Ovarialinsuffizienz und intraovarielles PRP: Was zeigt die Evidenz 2026?
Intraovarielles Platelet-Rich Plasma (PRP) wird bei eingeschränkter ovarieller Reserve und Poor Ovarian Response untersucht. Einzelne Studien zeigen positive Signale, ein konsistenter Nachweis einer höheren Lebendgeburtenrate fehlt bislang. Das Verfahren ist daher weiterhin experimentell.
POI, DOR und POR sind nicht dasselbe
Für die Bewertung der PRP-Literatur ist die saubere Trennung der Patientinnengruppen entscheidend. Viele ältere Arbeiten vermischen diese Begriffe, obwohl Prognose, Ausgangslage und Studienendpunkte unterschiedlich sind.
Prämature Ovarialinsuffizienz (POI)
Verlust oder deutliche Einschränkung der ovariellen Aktivität vor dem 40. Lebensjahr. Typisch sind länger anhaltende Zyklusstörungen und ein erhöhtes FSH.
Diminished Ovarian Reserve (DOR)
Verminderte ovarielle Reserve. Ein niedriger AMH-Wert oder eine geringe AFC können vorliegen, während Zyklus und ovarielle Aktivität weiterhin vorhanden sind.
Poor Ovarian Response (POR)
Unzureichende Reaktion auf eine kontrollierte ovarielle Stimulation, meist im Rahmen einer IVF-Behandlung.
Wie häufig ist eine prämature Ovarialinsuffizienz?
Neuere epidemiologische Daten legen eine Prävalenz von etwa 3,5 Prozent nahe. Ältere Studien berichteten ungefähr 1 Prozent.
POI ist zudem nicht vollständig mit einer endgültigen Menopause gleichzusetzen. Bei nicht chirurgisch verursachter POI kann intermittierend ovarielle Aktivität auftreten; spontane Ovulationen und Schwangerschaften sind selten, aber nicht vollständig ausgeschlossen.
Warum wird PRP am Eierstock untersucht?
PRP wird aus autologem Blut gewonnen und enthält eine erhöhte Konzentration an Thrombozyten. Nach deren Aktivierung können verschiedene Wachstumsfaktoren und Signalproteine freigesetzt werden. Daraus entstand die Hypothese, dass PRP die lokale Mikroumgebung, Gefäßversorgung oder die Funktion noch vorhandener Follikel beeinflussen könnte.
Biologische Plausibilität ist jedoch kein Wirksamkeitsnachweis. Klinisch ist weder gezeigt, dass PRP einen erschöpften Follikelvorrat neu aufbaut, noch dass die altersabhängige genetische Qualität von Eizellen verjüngt wird.
Ein einheitliches „ovarielles PRP“ gibt es bislang nicht
Die Studien unterscheiden sich deutlich bei Blutvolumen, Antikoagulans, Zentrifugation, Thrombozytenkonzentration, Leukozytengehalt, Aktivierung, Injektionsvolumen und Zeitpunkt der Anwendung. In vielen Publikationen ist die tatsächlich erreichte Thrombozytenkonzentration nicht ausreichend dokumentiert. Positive Ergebnisse eines Protokolls lassen sich deshalb nicht automatisch auf ein anderes PRP-System übertragen.
Vom Eigenblut zum experimentellen Einsatz
Schematische Darstellung – kein standardisiertes Universalprotokoll
1. Blutentnahme
Aus autologem Blut wird das Ausgangsmaterial gewonnen.
2. PRP-Aufbereitung
Zentrifugation und Aufbereitung unterscheiden sich je nach Protokoll deutlich.
3. Intraovarielle Anwendung
Die Studien untersuchen eine Punktion bzw. Injektion in das Ovar.
4. Klinische Bewertung
Entscheidend sind nicht nur Laborwerte, sondern Schwangerschaft und Lebendgeburt.
Was zeigen die randomisierten Studien?
| Studie | Population / Design | Kernergebnis |
|---|---|---|
| Barrenetxea et al. 2024 | 60 Frauen mit POR; randomisierte kontrollierte Studie | Mehr reife Eizellen; kein Vorteil bei euploiden Blastozysten. Die klinische Schwangerschaftsrate war in dieser Studie im PRP-Arm niedriger als in der Kontrollgruppe (27 % vs. 60 %); bei den termingerecht ausgetragenen Schwangerschaften bestand kein statistisch signifikanter Unterschied. |
| PROVA / Herlihy et al. 2024 | 83 Frauen unter 38 Jahren mit wiederholtem POR | Kein signifikanter Vorteil bei reifen Eizellen, Blastozysten, euploiden Blastozysten oder anhaltender Implantation. |
| Yahyaei et al. 2026 | 200 Frauen mit POR; randomisiert | Höhere AFC sowie bessere Maturations- und Fertilisationsraten und höhere Schwangerschaftsraten; die Lebendgeburtenrate war höher, aber statistisch nicht signifikant. |
| Barad et al., ESHRE 2026 Kongressabstract / noch keine vollständige Peer-Review-Publikation | PRP versus platelet-poor plasma | Kein Vorteil bei Embryoqualität, Ovarialantwort, Hormonmarkern oder Schwangerschaft. Kongressabstract. |
| Maier-Eggersmann et al., ESHRE 2026 Kongressabstract / noch keine vollständige Peer-Review-Publikation | 114 Frauen mit niedriger ovarieller Reserve; PRP versus Kochsalz | Kein signifikanter Vorteil bei Eizellausbeute, AMH, FSH, AFC, Schwangerschaft oder Lebendgeburt. Kongressabstract. |
Die randomisierten Daten sind damit nicht einheitlich. Einzelne Studien zeigen Signale bei bestimmten Parametern, andere nicht. Ein reproduzierbarer Vorteil bei der Lebendgeburtenrate ist bislang nicht belegt.
Warum Meta-Analysen teilweise positiver aussehen
Die systematische Übersichtsarbeit von Wang et al. 2026 schloss 19 prospektive Studien mit 1.794 Frauen ein. Nur zwei davon waren randomisierte kontrollierte Studien; der größere Teil bestand aus Kohorten- und Vorher-Nachher-Studien.
In unkontrollierten Analysen wurden nach PRP teilweise höhere AMH-Werte, eine höhere AFC oder mehr reife Eizellen beobachtet. Solche Veränderungen können ohne Kontrollgruppe jedoch nicht sicher PRP zugeschrieben werden. In den kontrollierten Analysen zeigte sich kein konsistenter Vorteil bei Schwangerschaft oder Lebendgeburt.
Was wissen wir speziell über PRP bei echter POI?
Für gesicherte POI ist die Datenlage schwächer als für POR. Viele als POI-Studien bezeichnete Arbeiten schließen zugleich Frauen mit DOR, POR, Perimenopause oder noch vorhandener Follikelaktivität ein. Ergebnisse aus solchen Gruppen dürfen nicht pauschal auf Patientinnen mit etablierter POI übertragen werden.
AMH und AFC sind nicht dasselbe wie eine Lebendgeburt
Surrogatparameter
- AMH
- FSH
- AFC
- Zahl gewonnener Eizellen
Patientenrelevante Endpunkte
- klinische Schwangerschaft
- fortbestehende Schwangerschaft
- Lebendgeburt
Eine Veränderung von AMH, FSH oder AFC kann wissenschaftlich interessant sein, beweist aber nicht automatisch eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Lebendgeburt. Genau diese Diskrepanz ist für die Bewertung der bisherigen PRP-Daten entscheidend.
Welche Risiken hat die intraovarielle PRP-Injektion?
Die Anwendung beinhaltet eine Punktion beziehungsweise Injektion in das Ovar, häufig transvaginal und ultraschallgesteuert. Mögliche Risiken umfassen Schmerzen, Blutungen, Infektionen, Verletzungen benachbarter Strukturen sowie Risiken durch Sedierung oder Narkose.
Inzwischen wurden einzelne schwere infektiöse Komplikationen wie Ovarial- oder tuboovarielle Abszesse nach intraovarieller PRP-Anwendung publiziert. Fallberichte zeigen keine Häufigkeit, widerlegen aber die Annahme, ein autologes Blutprodukt mache den Eingriff automatisch risikofrei.
Was sagen aktuelle Leitlinien zur POI?
Die internationale evidenzbasierte POI-Leitlinie stellt fest, dass derzeit keine Intervention zuverlässig gezeigt hat, die ovarielle Aktivität oder die natürliche Konzeptionsrate bei POI wiederherzustellen. Intraovarielles PRP ist daher keine etablierte Standardtherapie zur Wiederherstellung der Fertilität.
Was müsste die Forschung jetzt klären?
Nötig sind ausreichend große, standardisierte randomisierte Studien mit klar getrennten Patientinnengruppen, reproduzierbarer PRP-Charakterisierung und patientenrelevanten Endpunkten. Besonders wichtig sind dokumentierte Thrombozytenkonzentration, Leukozytengehalt, Aktivierung, Injektionsvolumen, Timing und eine längere Sicherheitsnachbeobachtung.
Wie sich die Evidenz entwickelt hat
Häufige Fragen
Kann PRP die Eierstöcke verjüngen?
Eine echte ovarielle Verjüngung im Sinne eines neu aufgebauten Follikelvorrats oder einer Umkehr der altersabhängigen genetischen Eizellqualität ist nicht nachgewiesen.
Kann PRP den AMH-Wert erhöhen?
Einige unkontrollierte Studien zeigen Veränderungen des AMH. In kontrollierten Untersuchungen sind die Ergebnisse nicht konsistent. Außerdem ist AMH ein Biomarker und kein direkter Nachweis einer höheren Schwangerschaftschance.
Erhöht PRP die Schwangerschaftsrate?
Die Ergebnisse randomisierter Studien widersprechen sich. Ein reproduzierbarer Vorteil, insbesondere bei der Lebendgeburtenrate, ist bislang nicht belegt.
Ist intraovarielles PRP eine Standardtherapie bei POI?
Nein. Die Methode befindet sich weiterhin im experimentellen Bereich und ist in aktuellen POI-Leitlinien nicht als Standardtherapie zur Wiederherstellung der Fertilität etabliert.
Ist die Behandlung nicht invasiv?
Nein. Die Anwendung beinhaltet eine Punktion beziehungsweise Injektion in das Ovar.
Wissenschaftliche Einordnung
Intraovarielles PRP ist ein relevantes Forschungsgebiet mit biologischer Plausibilität und einzelnen positiven Signalen. Die inzwischen vorhandenen randomisierten Daten ergeben jedoch kein einheitliches Bild. Ein belastbarer Nachweis, dass die Methode bei POI, DOR oder POR zuverlässig die Chance auf eine Lebendgeburt erhöht, fehlt weiterhin. PRP sollte in diesem Zusammenhang daher als experimentelles Verfahren beschrieben werden – nicht als nachgewiesene Ovarialverjüngung oder Wiederherstellung der Fruchtbarkeit.
Quellen und weiterführende Literatur
- ESHRE / ASRM / CRE-WHiRL / IMS – Evidence-based guideline: Premature Ovarian Insufficiency
- Barrenetxea et al. 2024 – Human Reproduction
- Herlihy et al. 2024 – PROVA randomized controlled trial
- Yahyaei et al. 2026 – Journal of Ovarian Research
- Wang et al. 2026 – Systematic Review and Meta-Analysis
- Barad et al. – ESHRE 2026 congress abstract
- Maier-Eggersmann et al. – ESHRE 2026 congress abstract
- Case report – bilateral ovarian abscesses / sepsis after ovarian PRP
- Kalinowska, Mobin & Babayev 2026 – Bilaterale Ovarialabszesse nach PRP-Injektion (F&S Reports)