Platelet-Rich Plasma (PRP) wird als regenerativer Ansatz bei weiblicher Stress- beziehungsweise Belastungsinkontinenz untersucht. Inzwischen liegen mehrere randomisierte Studien und eine Meta-Analyse vor. Das Bild bleibt jedoch widersprüchlich: Eine hochwertige Sham-Studie fand einen Vorteil, eine nahezu gleich große Placebo-Studie nicht.
Wirkt PRP bei Belastungsinkontinenz?
Grigoriadis et al. berichteten 2024 nach zwei periurethralen PRP-Behandlungen eine subjektive Heilung bei 32 % gegenüber 4 % unter Kochsalz-Sham; auch der 1-Stunden-Vorlagentest fiel nach sechs Monaten günstiger aus. Ashton et al. fanden dagegen nach einer einzelnen 5-ml-Behandlung keinen signifikanten Vorteil gegenüber Kochsalz.
Damit ist weder ein genereller Wirksamkeitsnachweis erbracht noch das Thema erledigt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob Patientenselektion, anatomisches Ziel, PRP-Charakterisierung und Zahl der Sitzungen die Ergebnisse wesentlich beeinflussen.
Wo könnte PRP theoretisch ansetzen?
Belastungsinkontinenz kann unter anderem mit urethraler Hypermobilität und/oder intrinsischer Sphinkterinsuffizienz zusammenhängen. PRP-Hypothesen betreffen den bindegewebigen Stützapparat und den Sphinkter. Eine echte Regeneration beim Menschen ist bisher nicht nachgewiesen.
Hypermobilität und Bindegewebe
Eine gestörte Aufhängung der Harnröhre und Veränderungen des pubourethralen Stützapparats können den Verschluss unter Belastung beeinträchtigen. Für PRP existiert hierzu eine biologische Hypothese und ein tierexperimentelles Modell.
Nicht gezeigt: Wiederherstellung eines geschädigten Bandapparats beim Menschen.
Intrinsische Sphinkterinsuffizienz
Diskutiert werden Effekte von Wachstumsfaktoren auf Fibroblasten, Kollagensynthese, Gefäßneubildung sowie mögliche myogene und neuromuskuläre Prozesse. Klinische Serien untersuchten PRP gezielt bei Sphinkterinsuffizienz.
Nicht gezeigt: histologisch oder bildgebend bestätigte Sphinkterregeneration beim Menschen.
Die entscheidenden randomisierten Studien
Fünf randomisierte Studien bei Frauen sind verfügbar. Für den eigenständigen PRP-Effekt sind jedoch vor allem die zwei Kochsalz-kontrollierten Studien aussagekräftig; die übrigen RCTs prüfen aktive Vergleiche oder Kombinationsbehandlungen.
Grigoriadis et al., 2024
50 Frauen, doppelblind. Zwei PRP-Sitzungen im Abstand von vier bis sechs Wochen mit Applikation auf drei Harnröhren-Ebenen. Subjektive Heilung nach sechs Monaten: 32 % unter PRP versus 4 % unter Kochsalz-Sham.
Zusätzlich zeigte sich ein signifikanter Vorteil im 1-h-Pad-Test nach sechs Monaten.
Ashton et al., 2024
50 Frauen, einfach verblindet. Eine einzelne 5-ml-Sitzung an drei Stellen der vorderen Vaginalwand auf Höhe der mittleren Harnröhre. Im kombinierten Endpunkt bestand nach sechs Monaten kein signifikanter Vorteil gegenüber Kochsalz.
Die Studie spricht gegen die Annahme, dass eine einzelne Behandlung zuverlässig wirksam ist.
Studien-Explorer
Die Filter ordnen die wichtigsten klinischen Studien nach Design. Sie ändern nur die Darstellung, nicht die Evidenzbewertung.
Positives Signal bei subjektiver Heilung und 1-h-Pad-Test nach sechs Monaten.
Kein signifikanter Vorteil im primären kombinierten Endpunkt.
Vorteil zugunsten der Kombination bei Pad-Test und mehreren patientenberichteten Endpunkten.
Beide Gruppen verbesserten sich; die Sling-Gruppe schnitt im kleinen Direktvergleich deutlich besser ab.
PRP allein war dem Laser nicht überlegen; die Kombination wurde gegenüber beiden Monotherapien als überlegen berichtet. Ein Vergleich mit leitliniengestützter Standardtherapie war dies nicht.
50 % definierter Behandlungserfolg; vollständige Trockenheit nahm bis Monat 12 wieder ab.
Drei periurethrale PRP-Sitzungen im Abstand von 4–6 Monaten; Zuordnung nach Patientinnenwunsch und relevante Baseline-Unterschiede begrenzen den Vergleich.
Studienintern klassifiziert: 18,5 % geheilt, 22,2 % gebessert, 59,3 % ohne Response; günstigere Signale bei leichterer SUI.
Warum können die Placebo-Studien zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen?
Einmalig versus wiederholt
Die negative Ashton-Studie verwendete eine einzelne Behandlung. Grigoriadis wiederholte die Anwendung nach vier bis sechs Wochen. Auch viele positive Beobachtungsstudien arbeiteten mit mehreren Sitzungen.
Das ist ein Muster, aber noch kein Beweis für eine Dosis-Wirkungs-Beziehung.
Unterschiedliche anatomische Ziele
Untersucht wurden vordere Vaginalwand, periurethrales Gewebe, mittlere Urethra und urethraler Sphinkter. Eine „PRP-Injektion bei SUI“ ist daher bisher keine einheitliche Intervention.
Unterschiedliche Patientinnen
Manche Studien rekrutierten breit, andere gezielt Frauen mit urodynamisch gesicherter intrinsischer Sphinkterinsuffizienz. Auch der Schweregrad variiert.
PRP selbst ist nicht standardisiert
Thrombozytenkonzentration, Leukozytengehalt, Aktivierungsstatus, Zentrifugationsparameter und finale Zusammensetzung werden nicht konsistent berichtet.
Meta-Analyse 2026: positiv, aber mit wichtigen methodischen Grenzen
Utama et al. fassten acht Studien mit insgesamt 257 Teilnehmenden zusammen: drei RCTs und fünf quasi-experimentelle Arbeiten. Gepoolte Analysen zeigten kurzfristige Verbesserungen bei mehreren Symptom- und Lebensqualitätsmaßen. Die Heterogenität war jedoch bei mehreren Endpunkten sehr hoch.
Heterogenität ausgewählter Endpunkte
I² beschreibt die statistische Unterschiedlichkeit der Studienergebnisse. Sehr hohe Werte erschweren eine gemeinsame Interpretation.
Warum ALPP nicht zum Hauptargument werden sollte
Der gepoolte Anstieg des abdominalen Leak-Point-Pressure wirkt statistisch auffällig, beruht aber nur auf kleinen unkontrollierten Datensätzen. Die EAU empfiehlt ausdrücklich, Urethradruckprofil oder Leak-Point-Pressure nicht zur Schweregradeinteilung der Inkontinenz zu verwenden. Für die klinische Einordnung sind Pad-Tests und validierte patientenberichtete Endpunkte aussagekräftiger.
Wer könnte ansprechen? Erste Signale, aber noch kein Responder-Profil
Eine prospektive Studie von Abdellatif et al. aus 2026 untersuchte 54 Frauen mit ultraschallgeführter periurethraler PRP-Injektion und bis zu neun Monaten Follow-up. Die Autoren berichteten günstigere Ergebnisse bei leichterer SUI sowie Assoziationen mit jüngerem Alter und geringerer Parität.
Studieninterne Klassifikation; unkontrollierte prospektive Kohorte, n=54.
Studieninterne Klassifikation; unkontrollierte prospektive Kohorte, n=54.
Studieninterne Klassifikation; unkontrollierte prospektive Kohorte, n=54.
Diese Zahlen sind nicht als allgemeine Erfolgsquoten zu verstehen. Ohne randomisierten Kontrollarm können Placeboeffekte, Regression zur Mitte, Selektion und andere Einflussfaktoren nicht ausreichend getrennt werden.
Was wurde in Studien tatsächlich gemacht?
Diese Übersicht dient ausschließlich der wissenschaftlichen Einordnung und ist kein Behandlungsprotokoll. Gerade die Unterschiede zwischen den Studien sind ein wesentlicher Grund dafür, warum sich derzeit kein Standard ableiten lässt.
| Parameter | Spanne in der Literatur | Warum relevant |
|---|---|---|
| PRP-Volumen | meist etwa 3–5 ml pro Sitzung | Volumen und Verteilung unterscheiden sich zwischen Studien. |
| Sitzungen | 1–4 | Positive Signale stammen häufiger aus Studien mit wiederholter Anwendung; ein optimales Schema ist nicht validiert. |
| Intervall | häufig 4–6 Wochen; einzelne Kohorten weichen deutlich ab, z. B. 4–6 Monate | Ein einheitlicher Wiederholungsrhythmus ist nicht etabliert. |
| Anatomisches Ziel | vordere Vaginalwand, periurethral, mittlere Urethra, urethraler Sphinkter | Die Interventionen sind anatomisch und technisch nicht identisch. |
| Thrombozytenanreicherung | wenn berichtet teils ca. 2,5- bis 5-fach | Viele Publikationen charakterisieren das finale PRP unvollständig. |
| Zentrifugation | unterschiedliche Systeme, Rotoren und Protokolle | RPM-Angaben sind ohne wirksamen Rotorradius beziehungsweise RCF nicht auf andere Zentrifugen übertragbar. |
Sicherheit: kurzfristig überwiegend gut verträglich, Langzeitdaten fehlen
In den bisherigen kleinen Studien wurden keine lebensbedrohlichen Komplikationen berichtet. Beschrieben wurden vor allem leichte, selbstlimitierende Ereignisse wie Hämaturie, Dysurie, vaginale Schmierblutung oder lokale Beschwerden; in einer Serie trat vorübergehend erschwertes Wasserlassen auf.
In den bislang untersuchten Kollektiven waren die berichteten unerwünschten Ereignisse überwiegend leicht und vorübergehend.
Eine umfassende Langzeitsicherheit ist nicht belegt. Die Patientenzahlen sind klein, und die Nachbeobachtung bei Frauen reicht meist nicht über zwölf Monate hinaus.
Was sagen Leitlinien – und wie ist PRP in Deutschland einzuordnen?
PRP ist keine aufgeführte Standardtherapie
Die EAU nennt überwachtes intensives Beckenbodentraining über mindestens drei Monate als Erstlinientherapie und beschreibt etablierte invasive beziehungsweise operative Optionen. PRP wird im SUI-Therapiekapitel nicht als etablierte Option geführt.
Die EAU-Ausgabe 2026 ist im Wesentlichen ein Nachdruck der 2025er Fassung mit kleineren Formatänderungen. Die Empfehlung, neue Devices nur in strukturierten Forschungsprogrammen einzusetzen, darf nicht als spezifische PRP-Empfehlung umgedeutet werden.
PRP ist rechtlich mehr als nur eine Injektion
Bei autologem PRP sind Blutentnahme, Herstellung, Anwendung, ärztliche Verantwortung und gegebenenfalls Anzeigepflichten getrennt zu betrachten. Für die konkrete Praxisorganisation gelten die einschlägigen arzneimittel- und transfusionsrechtlichen Vorgaben.
Dieser Artikel bietet eine fachliche Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Die verlinkte PRPmed-Rechtsübersicht behandelt die deutsche Situation ausführlicher.
Was lässt sich aus der Evidenz 2026 tatsächlich ableiten?
Was wir sagen können
- PRP wird in mehreren klinischen Studien bei weiblicher SUI untersucht.
- Es existieren positive und negative randomisierte Daten.
- Wiederholte Anwendungen zeigen häufiger positive Signale als eine einzelne Sitzung, ohne dass ein optimales Schema bewiesen wäre.
- Die bisher berichteten unerwünschten Ereignisse waren überwiegend leicht und vorübergehend.
- Fehlende Standardisierung der PRP-Produkte ist ein zentrales methodisches Problem.
Was wir nicht behaupten können
- PRP heilt weibliche Belastungsinkontinenz zuverlässig.
- PRP regeneriert den urethralen Sphinkter beim Menschen nachweislich.
- PRP ist einem Midurethral-Sling oder anderen etablierten Verfahren gleichwertig.
- Zwei, drei oder vier Sitzungen sind ein validiertes Standardschema.
- RPM- oder Produktdaten aus einer Studie lassen sich direkt auf ein anderes PRP-System übertragen.
Häufige Fragen
Ist PRP bei Belastungsinkontinenz wissenschaftlich bewiesen?
Gibt es ein standardisiertes PRP-Protokoll bei Stressinkontinenz?
Ist PRP bei SUI eine Alternative zur Schlingenoperation?
Ist PRP in Leitlinien zur weiblichen Stressinkontinenz empfohlen?
Welche Endpunkte sind besonders aussagekräftig?
Ausgewählte Primärquellen und Leitlinien
- Grigoriadis T, Kalantzis C, Zacharakis D, et al. Platelet-Rich Plasma for the Treatment of Stress Urinary Incontinence — A Randomized Trial. Urogynecology. 2024;30(1):42–49. DOI
- Ashton L, Nakatsuka H, Johnson CM, et al. A Single Injection of Platelet-rich Plasma Injection for the Treatment of Stress Urinary Incontinence in Females: A Randomized Placebo-controlled Trial. Urology. 2024;193:63–68. DOI
- Saraluck A, Chinthakanan O, Kijmanawat A, et al. Autologous platelet rich plasma (A-PRP) combined with pelvic floor muscle training for the treatment of female stress urinary incontinence: a randomized control clinical trial. Neurourol Urodyn. 2024;43(2):342–353. DOI
- Daneshpajooh A, Mirzaei M, Farsinejad A, et al. The Effect of Periurethral Injection of Pure Platelet-rich Plasma in the Treatment of Urinary Incontinence in Female Patients: a randomized clinical trial. J Kerman Univ Med Sci. 2021;28(4):330–337. DOI
- Lu M, Liu W, Wu Y, Deng K. A Randomized Controlled Trial of Platelet-Rich Plasma Combined with Fractional CO₂ Laser Therapy for Mild and Moderate Stress Urinary Incontinence in Women. Int Urogynecol J. 2026;37(2):461–468. DOI
- Utama BI, Birru ABA, Cuandra KN, et al. Therapeutic efficacy and safety of injectable platelet-rich plasma in women with stress urinary incontinence: a systematic review and meta-analysis. Front Med. 2026;13:1728478. DOI
- Chiang CH, Kuo HC. The Efficacy and Mid-term Durability of Urethral Sphincter Injections of Platelet-Rich Plasma in Treatment of Female Stress Urinary Incontinence. Front Pharmacol. 2022;13:847520. DOI
- Long CY, Lin KL, Shen CR, et al. A pilot study: effectiveness of local injection of autologous platelet-rich plasma in treating women with stress urinary incontinence. Sci Rep. 2021;11:1584. DOI
- Jiang YH, Lee PJ, Kuo HC. Therapeutic Efficacy of Urethral Sphincter Injections of Platelet-Rich Plasma for the Treatment of Stress Urinary Incontinence due to Intrinsic Sphincter Deficiency: A Proof-of-Concept Clinical Trial. Int Neurourol J. 2021;25(1):51–58. DOI
- Abdellatif AEA, Elbadwy AA, Hasab El Naby AGM, Elmarakbi AA. Effectiveness and Feasibility of Transvaginal Ultrasound–Guided Platelet-Rich Plasma Injection for the Management of Female Stress Urinary Incontinence. Int J Drug Deliv Technol. 2026;16(5s):365–369. DOI
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Non-neurogenic Female LUTS, 2026. Quelle
- Kobashi KC, Vasavada S, Bloschichak A, et al. Updates to Surgical Treatment of Female Stress Urinary Incontinence: AUA/SUFU Guideline (2023). J Urol. 2023;209(6):1091–1098.