Fachbeitrag · PRP-Zellprofil & Evidenz

Leukozytenreiches oder leukozytenarmes PRP?LR-PRP und LP-PRP richtig einordnen

Ist leukozytenarmes PRP grundsätzlich besser für Gelenke und leukozytenreiches PRP besser für Sehnen? Solche einfachen Zuordnungen finden sich häufig. Die aktuelle Studienlage ist jedoch deutlich komplexer.

  • Nur für Fachanwender
  • Evidenzstand: Oktober 2026
  • ca. 14 Min. Lesezeit
  • 18 Fachquellen

01 · Grundfrage

LR-PRP oder LP-PRP: Ist eines grundsätzlich besser?

Nach dem aktuellen Forschungsstand lässt sich keine der beiden PRP-Kategorien generell als überlegen einordnen.

Kniearthrose

Es liegen inzwischen direkte randomisierte LR-vs.-LP-Studien sowie mehrere systematische Reviews und Meta-Analysen vor. Die direkten Vergleiche zeigen bislang keinen konsistenten klinischen Vorteil einer Formulierung.

Eine aktuelle Network-Meta-Analyse mit 21 RCTs und 2.254 Patienten fand ebenfalls keinen statistisch signifikanten Unterschied im direkten Vergleich; die Evidenzsicherheit für diesen Vergleich wurde allerdings als niedrig bewertet.13

Tendinopathien

Die Situation ist noch uneinheitlicher. Einzelne Studien liefern Signale zugunsten von LP-PRP, andere Analysen sehen mögliche Vorteile für LR-PRP – die bei strengeren Sensitivitätsanalysen teilweise verschwinden.

Biologisch unterschiedlich bedeutet nicht automatisch klinisch überlegen oder unterlegen.

Die Bezeichnung LR oder LP beschreibt einen Aspekt der Zellzusammensetzung. Sie ist weder eine vollständige Charakterisierung noch eine allgemeine Qualitätsstufe.

02 · Begriffe

Was bedeuten LR-PRP und LP-PRP überhaupt?

LR-PRP steht für leukocyte-rich platelet-rich plasma, LP-PRP für leukocyte-poor platelet-rich plasma. Auf Deutsch spricht man meist von leukozytenreichem beziehungsweise leukozytenarmem PRP.

Die beiden Begriffe wirken wie eine klare binäre Einteilung. In der wissenschaftlichen Literatur existiert jedoch keine weltweit einheitliche absolute Leukozytengrenze, die in sämtlichen Klassifikationssystemen identisch verwendet wird.

Grafik 1 · Wie unterschiedliche Zellprofile entstehen könnenSchematische Darstellung – keine Herstellungs- oder Entnahmeanleitung
Ausgangsblut individuelle Zellwerte und Differentialblutbild Aufbereitung System · Prozessparameter Zentrifugation · Entnahme mehrere Faktoren wirken gleichzeitig geringere Gesamt-WBC LP-ähnliches Zellprofil höhere Gesamt-WBC z. B. lymphozytendominiert höhere Gesamt-WBC z. B. relativ mehr Neutrophile

Die resultierende Zellzusammensetzung hängt von Ausgangsblut und Aufbereitung ab. Das Schema zeigt keine konkrete Herstellungs- oder Entnahmetechnik.

Auch die gängigen Klassifikationen fassen „leukozytenreich“ unterschiedlich:

Dohan Ehrenfest et al. · 20091

Die historische Klassifikation unterscheidet Präparate anhand der Anwesenheit von Leukozyten und ihrer Fibrinarchitektur.

PAW-Klassifikation · 20122

PAW berücksichtigt dagegen die Leukozytenkonzentration relativ zum Ausgangsblut und erfasst zusätzlich die neutrophilen Granulozyten.

Wichtig: „LR-PRP“ ist keine international identische Zellformel. Für wissenschaftliche Vergleiche ist es aussagekräftiger, neben dem LR-/LP-Begriff möglichst auch die tatsächlich gemessene Leukozytenkonzentration und die zugrunde gelegte Definition anzugeben.
Vertiefung: Klassifikationen im VergleichPRP richtig charakterisieren: Thrombozytendosis, Recovery und Zellprofil

03 · Zelltypen

Warum die Gesamtzahl der Leukozyten allein zu kurz greift

„Leukozyten“ bezeichnet keine einheitliche Zellpopulation. Zwei PRP-Präparate können deshalb eine ähnliche Gesamtzahl weißer Blutzellen besitzen und dennoch ein deutlich unterschiedliches Differentialblutbild aufweisen.

Neutrophile Granulozyten

Gehören zur angeborenen Immunantwort und können unter anderem proteolytische Enzyme sowie unterschiedliche Entzündungsmediatoren freisetzen. Ein höherer Neutrophilenanteil kann daher mit einem veränderten Zytokin- und Proteaseprofil einhergehen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Neutrophile pauschal als unerwünscht oder „schädlich“ einzustufen wären.

Monozyten

Gehören ebenfalls zum angeborenen Immunsystem und werden im Zusammenhang mit Entzündungsregulation, Gewebeumbau und Reparaturvorgängen diskutiert.

Eine hohe oder niedrige Monozytenzahl ist für sich jedoch kein validierter Qualitäts- oder Wirksamkeitsmarker.

Lymphozyten

Erhalten in der klassischen LR-/LP-Diskussion weniger Aufmerksamkeit als neutrophile Granulozyten.

Zellanalysen zeigen jedoch, dass einzelne als LR-PRP klassifizierte Präparate stark lymphozytendominiert sein können.

> 89 %Lymphozyten im Leukozytendifferential – bei allen geprüften Einstellungen eines anpassbaren kommerziellen Aufbereitungssystems4
< 11 %neutrophile Granulozyten in derselben Untersuchung4
77 %Agranulozyten im Mittel bei der Charakterisierung eines Double-Spin-LR-PRP6

LR-PRP ist nicht automatisch neutrophilenreiches PRP.

Grafik 2 · LR-PRP ist nicht gleich LR-PRPSchematische Zellprofile – keine produktspezifischen Messwerte und keine Qualitätsrangfolge

LR-A · lymphozytendominiert

Hohe Gesamt-WBC; das Differential wird überwiegend von Lymphozyten getragen – so, wie es Zellanalysen für einzelne LR-Systeme beschreiben.

LR-B · relativ mehr Neutrophile

Ähnlich hohe Gesamt-WBC wie LR-A, aber ein anderes Differential. Gleiches Etikett „LR“ – andere Zellzusammensetzung.

LP · geringe Gesamt-WBC

Deutlich weniger Leukozyten insgesamt. Auch LP-Präparate können sich untereinander bei Thrombozyten, Erythrozyten und Volumen deutlich unterscheiden.

Tipp: Wechseln Sie zwischen LR-A und LR-B – die Zahl der Zellen bleibt gleich, nur die Zusammensetzung ändert sich.

04 · Herkunft des Zellprofils

Zellprofil entsteht aus Ausgangsblut und Aufbereitung

Nicht nur das verwendete Aufbereitungssystem beeinflusst die Zusammensetzung eines PRP-Präparats. Auch das Ausgangsblut spielt eine Rolle.

Untersuchungen mit detaillierter Immunzellcharakterisierung zeigen Unterschiede bei Granulozyten, Monozyten, B- und T-Lymphozyten sowie weiteren Immunzellpopulationen.8 Damit kann sich das resultierende PRP sowohl zwischen Aufbereitungssystemen als auch zwischen verschiedenen Ausgangsproben unterscheiden.

Methodische Konsequenz: Ein Produktname oder die Angabe LR-PRP beziehungsweise LP-PRP ist keine vollständige Beschreibung des Endprodukts.

05 · Molekulares Profil

Wie hängt der Leukozytengehalt mit dem molekularen Profil zusammen?

Leukozyten sind biologisch relevant, weil sie selbst bioaktive Moleküle enthalten beziehungsweise freisetzen können. Studien zu PRP zeigen jedoch kein eindimensionales Muster, bei dem „mehr Leukozyten“ automatisch mit einer einheitlichen molekularen Wirkung gleichzusetzen wäre.

Marker-Übersicht aus drei StudienTippen Sie auf einen Marker, um ihn studienübergreifend hervorzuheben.

Kobayashi et al. · 20163

Wachstumsfaktoren und Proteasen

Verglichen wurden LR-PRP, LP-PRP und nahezu leukozytenfreies PRP bei vergleichbarer Thrombozytenkonzentration. Mit zunehmendem Leukozytengehalt zeigten sich unter anderem positive Zusammenhänge mit PDGF-BB und VEGF sowie eine ausgeprägte positive Beziehung zu MMP-9.

steigt mit dem Leukozytengehalt

Weitere Charakterisierungsstudie5

Auch Matrixmetalloproteinasen folgen keinem einfachen LR-/LP-Muster

LR-PRP war unter anderem mit höheren Konzentrationen von IL-1-Rezeptorantagonist, PDGF-AA, PDGF-AB/BB und MMP-1 verbunden. Andere Matrixmetalloproteinasen – darunter MMP-2, MMP-3 und MMP-12 – waren hingegen im untersuchten LP-PRP höher.

höher im LR-PRP
höher im LP-PRP

Jayaram et al. · 20239

Pro- und antiinflammatorisch interpretierte Signale können gleichzeitig auftreten

LR- und LP-PRP wurden parallel aus denselben Patienten hergestellt. Im LR-PRP waren unter anderem IL-1Ra, IL-4, IL-8 und MMP-9 erhöht; für TNF-α, IL-1β, IL-6 und IL-10 ergaben sich dagegen keine signifikanten Unterschiede.

höher im LR-PRP
kein signifikanter Unterschied

Biologische Plausibilität kann eine Hypothese erklären. Sie beweist keine klinische Überlegenheit.

Vertiefung: molekulare EbenePRP jenseits der Thrombozytenzahl: Proteomik und Metabolomik

06 · Mehrere Stellgrößen

LR und LP unterscheiden sich in Studien oft nicht nur bei den Leukozyten

Eines der größten Probleme der LR-/LP-Literatur besteht darin, dass unterschiedliche Aufbereitungsverfahren häufig gleichzeitig mehrere Eigenschaften des Präparats verändern.

Grafik 3 · LR/LP beschreibt nur einen AusschnittAlle zehn Parameter können gleichzeitig mit dem LR-/LP-Status variieren
LR / LPeine relevante, aber nicht allein ausreichende Dimension
Parameter 01Gesamt-WBC

Der namensgebende Parameter. Ohne gemessenen Wert und angegebene Definition bleibt offen, was „reich“ oder „arm“ im konkreten Präparat bedeutet.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 02Neutrophile

Ergänzt den Gesamt-WBC-Wert um ein Differentialmerkmal. Ein höherer Neutrophilenanteil kann mit einem veränderten Zytokin- und Proteaseprofil einhergehen – ist aber kein pauschaler Negativmarker.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 03Lymphozyten und Monozyten

Können das Differential eines LR-Präparats dominieren – in einer Systemuntersuchung lag der Lymphozytenanteil über 89 %.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 04Thrombozytenkonzentration

Kann sich zwischen LR- und LP-Präparaten erheblich unterscheiden – im beschriebenen Epicondylitis-RCT etwa um den Faktor 2,7.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 05Absolute Thrombozytenzahl

Ergibt sich aus Konzentration und verwendetem Volumen. Eine ähnliche Konzentration bedeutet daher nicht zwingend eine ähnliche Gesamtzahl.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 06Erythrozytenanteil

Resterythrozyten sind eine weitere Zellkomponente, die je nach Verfahren und Entnahme variiert.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 07Endvolumen

Beeinflusst die enthaltene Gesamtzellzahl und damit die Vergleichbarkeit zweier Präparate.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 08Recovery

Beschreibt, welcher Anteil der Thrombozyten aus dem Ausgangsblut im Präparat wiedergefunden wird.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 09Aktivierung

Ob und wie ein Präparat aktiviert wird, gehört zur methodischen Beschreibung und unterscheidet sich zwischen Protokollen.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja
Parameter 10Aufbereitungsschritte

System, Zentrifugationsschritte und Einstellungen verändern häufig mehrere der genannten Parameter gleichzeitig.

variiert mit dem LR-/LP-Status: ja

Ein klinischer Unterschied zwischen zwei PRP-Präparaten ist nicht automatisch ein Leukozyteneffekt.

Vertiefung: alle Parameter im DetailPRP richtig charakterisieren: Thrombozytendosis, Recovery und Zellprofil

07 · Klinische Evidenz

Was zeigt die klinische Evidenz bei Kniearthrose?

Für die konkrete LR-/LP-Frage ist Kniearthrose derzeit der am besten direkt untersuchte klinische Bereich.

192Patienten im direkten RCT von Di Martino et al.
132Patienten im zweiten doppelblinden RCT
21 RCTsin der Network-Meta-Analyse 2026
2.254Patienten in dieser Netzwerkanalyse
  1. 2022
    RCTDi Martino et al.7n = 192

    Direkter randomisierter Vergleich mit 192 Patienten

    Patienten mit symptomatischer Kniearthrose der Kellgren-Lawrence-Grade 1 bis 3 wurden auf LR- oder LP-PRP randomisiert. Die Thrombozytenkonzentrationen der beiden Präparate waren relativ ähnlich, beim Leukozytengehalt bestand dagegen ein ausgeprägter Unterschied.

    Nach zwölf Monaten bestanden keine signifikanten Unterschiede bei den klinischen Scores zwischen den Gruppen. Milde lokale Reaktionen wurden numerisch häufiger nach LR-PRP beobachtet, der Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant.

    Kein signifikanter Unterschied nach 12 Monaten
  2. 2024
    RCT, doppelblindRomandini et al.12n = 132

    Zweiter doppelblinder RCT mit 132 Patienten

    Über zwölf Monate verbesserten sich beide Gruppen. Einige isolierte Unterschiede wurden zu einzelnen Zeitpunkten beziehungsweise bei einzelnen Messgrößen beobachtet, insgesamt zeigte sich jedoch keine konsistente klinische Überlegenheit einer Formulierung.

    Keine konsistente Überlegenheit
  3. 2024
    KonsensusESSKA-ORBIT, Laver et al.11

    Europäischer Konsensus

    Der ESSKA-ORBIT-Konsensus bewertete die Evidenz zu LR versus LP bei Kniearthrose insgesamt als inkonklusiv und unterstützt keine der beiden Formulierungen generell gegenüber der anderen.

    Evidenz insgesamt inkonklusiv
  4. 2026
    Network-Meta-AnalyseXu et al.1321 RCTs · 2.254 Patienten

    Ranking ist nicht gleich Überlegenheit

    LP-PRP lag in bestimmten P-Score-Rankings höher. Im direkten LR-/LP-Vergleich zeigte sich jedoch kein statistisch signifikanter Unterschied; die Evidenzsicherheit für diesen direkten Vergleich war niedrig.

    Methodisch wichtig: Ein Netzwerk-Ranking ist keine direkte klinische Überlegenheit. Rankings und direkte paarweise Vergleiche beantworten nicht exakt dieselbe Frage.
    LP im Ranking vorn – direkt nicht signifikant
  5. 09/2026
    Meta-Analyse vs. HAAlshehri et al.1728 RCTs · 2.685 Teilnehmer

    Eine aktuelle Subgruppenanalyse liefert ein LP-Signal – aber keine eindeutige LR-/LP-Antwort

    Die Meta-Analyse verglich PRP mit Hyaluronsäure. In vordefinierten Subgruppen waren die Effekte in Studien mit leukozytenarmem PRP größer; zugleich war die Heterogenität der Hauptergebnisse sehr hoch.

    In der Meta-Regression wurden Arthrosegrad und Zahl der Injektionen, nicht aber der Leukozytenstatus als statistisch bestätigte Effektmodifikatoren hervorgehoben. Zudem handelt es sich überwiegend um indirekte Vergleiche von LP-PRP versus HA und LR-PRP versus HA.

    LP-Subgruppensignal – überwiegend indirekt

08 · Verträglichkeit

Gibt es Unterschiede bei lokalen Reaktionen?

18,7 %der PRP-Fälle mit berichteten unerwünschten Ereignissen – am häufigsten milde Schmerzen und Schwellungen
Sicherheits-Meta-Analyse · 32 RCT-Publikationen · 1.268 PRP-behandelte Knie14

Im Vergleich mit Hyaluronsäure zeigte sich das erhöhte Signal für diese milden lokalen Reaktionen in der LR-Untergruppe, während LP-PRP keinen signifikanten Unterschied gegenüber HA zeigte. Die direkten LR-vs.-LP-RCTs fanden dagegen keinen konsistent signifikanten Sicherheitsunterschied.

Indirekter WegJeweils gegen Hyaluronsäure14
LR-PRP vs. HAerhöhtes Signal für milde lokale Reaktionen
LP-PRP vs. HAkein signifikanter Unterschied
Direkter WegLR-PRP gegen LP-PRP7, 12
Direkte RCTskein konsistent signifikanter Sicherheitsunterschied
Di Martino et al.milde Reaktionen numerisch häufiger nach LR – nicht signifikant

Einige Meta-Analysen zeigen bei LR-PRP ein stärkeres Signal für vorübergehende lokale Schmerzen oder Schwellungen. Direkte randomisierte LR-/LP-Vergleiche bestätigen bislang jedoch keinen konsistenten signifikanten Sicherheitsunterschied.

09 · Tendinopathien

Was wissen wir bei Tendinopathien?

Häufig vertretene Regel

LR-PRP für Sehnen, LP-PRP für Gelenke.

Durch die aktuelle Literatur als allgemeine Matrix nicht gerechtfertigt

Laterale Epicondylitis: direkter RCT mit wichtigem Confounder

Eine 2026 publizierte randomisierte Studie untersuchte 71 Patienten und verglich LP-PRP, LR-PRP und Kochsalzlösung.15 LP-PRP zeigte bei mehreren Schmerz- und Funktionsparametern günstigere Ergebnisse als LR-PRP.

Für die Interpretation ist jedoch entscheidend, dass sich die Präparate nicht nur beim Leukozytengehalt unterschieden:

Grafik 4 · Zwei Stellgrößen gleichzeitig verändertrelativ zum LP-PRP derselben Studie (LP = 1), gerundet
Leukozyten
LP-PRP
1
LR-PRP
≈ 3,8‑fach
Thrombozyten
LP-PRP
1
LR-PRP
2,7‑mal weniger

Das LR-PRP enthielt etwa 3,8-mal mehr Leukozyten, gleichzeitig aber 2,7-mal weniger Thrombozyten als das LP-PRP.15

Konsequenz: Die Studie kann nicht beweisen, dass der beobachtete Unterschied allein durch die Leukozyten verursacht wurde.

Network-Meta-Analyse 2026: mögliches LR-Signal, aber nicht robust

Eine Network-Meta-Analyse mit 23 RCTs und 1.484 Teilnehmern differenzierte ausdrücklich zwischen LR- und LP-PRP.16 In einzelnen Analysen erschien LR-PRP zunächst günstig. Nach Ausschluss von Studien mit hohem Bias-Risiko blieb dieser Vorteil jedoch nicht bestehen.

Oktober 2026: Kraftendpunkte lösen die Frage ebenfalls nicht

Eine weitere randomisierte Publikation aus demselben Forschungsumfeld untersuchte ebenfalls 71 Teilnehmer.18 Beim primären Kraftendpunkt überschritten die Gruppenunterschiede nicht die vorab definierte Schwelle für klinische Relevanz.

Da Teilnehmerzahl, Autorenumfeld und Studiendesign starke Überschneidungen mit der zuvor publizierten 71-Patienten-Untersuchung aufweisen, sollte diese Arbeit nicht ohne detaillierten Kohortenabgleich als vollständig unabhängige Bestätigung einer zweiten Population gewertet werden.

Bei Tendinopathien ist die Evidenz zum Einfluss des Leukozytengehalts uneinheitlich. Zusätzlich unterscheiden sich die verglichenen Präparate häufig bei weiteren Zell- und Herstellungsparametern.

Außerdem darf laterale Epicondylitis nicht pauschal auf andere Sehnen übertragen werden. „Sehne“ ist keine einheitliche Indikation.

Laterale Epicondylitisnicht pauschal übertragbar aufAchillessehnePatellasehneoperative Rotatorenmanschetten­rekonstruktion

10 · Dermatologie & Ästhetik

Was wissen wir außerhalb der Orthopädie?

Für Dermatologie, Haaranwendungen und ästhetische Medizin ist die direkte LR-vs.-LP-Evidenz deutlich schwächer. Aktuelle Reviews beschreiben erhebliche Unterschiede bei Studiendesign, Aufbereitung, Zellzusammensetzung, Aktivierung und PRP-Protokollen.

Daraus ergibt sich keine belastbare Grundlage für Aussagen wie „LP-PRP ist grundsätzlich das bessere PRP für Haare oder ästhetische Anwendungen“.

Keine Übertragung ohne Evidenz: Ergebnisse aus Kniearthrose oder Tendinopathien dürfen nicht automatisch auf Kopfhaut, Haut oder andere ästhetische Anwendungen übertragen werden.

11 · Dokumentation

Wie sollte ein PRP-Zellprofil dokumentiert werden?

Für wissenschaftliche Vergleichbarkeit ist eine quantitative Charakterisierung aussagekräftiger als die alleinige Bezeichnung LR-PRP oder LP-PRP.10

Reporting-CheckWelche Angaben enthält eine Präparatebeschreibung – etwa in einer Studie oder in Ihrer eigenen Dokumentation? Markieren Sie, was vorliegt.

Je mehr quantitative Angaben verfügbar sind, desto nachvollziehbarer lässt sich ein Präparat wissenschaftlich beschreiben.

Je nach wissenschaftlicher Fragestellung können zusätzliche Angaben zu Lymphozyten und Monozyten sinnvoll sein. Das bedeutet nicht, dass in jeder klinischen Situation zwingend ein vollständiges Immunzellprofil bestimmt werden muss.

Was Hersteller- und Systemangaben nicht beantworten können

Ein PRP-System oder PRP-Röhrchen kann technisch genau beschrieben sein. Diese Spezifikationen ersetzen jedoch keine quantitative Analyse des tatsächlich gewonnenen Präparats.

Ohne entsprechende Labor- oder Validierungsdaten lassen sich aus dem Produktnamen allein keine zuverlässigen individuellen Aussagen ableiten über:

  • Gesamt-WBC
  • Neutrophilenanteil
  • Lymphozyten- und Monozytenanteile
  • Resterythrozyten
  • Konzentrationsfaktor
  • Recovery
  • absolute Thrombozytenzahl

12 · Einordnung

Was lässt sich derzeit ableiten – und was nicht?

Gut begründbar
  • LR- und LP-Präparate können biologisch unterschiedlich sein.
  • Gesamt-WBC beschreibt das Differentialblutbild nicht vollständig.
  • LR-PRP kann lymphozytendominiert sein.
  • Zellprofil und Aufbereitung beeinflussen die molekulare Zusammensetzung.
  • Direkte Knie-RCTs zeigen keinen konsistenten LR-/LP-Sieger.
  • Bei Tendinopathien ist die Evidenz widersprüchlich.
Nicht allgemein begründbar
  • LR-PRP ist grundsätzlich besser für Sehnen.
  • LP-PRP ist grundsätzlich besser für Gelenke.
  • LP-PRP ist grundsätzlich besser für ästhetische Anwendungen.
  • LR-PRP ist generell „proinflammatorisch“.
  • LP-PRP ist generell „antiinflammatorisch“.
  • Die Leukozytenzahl allein erklärt klinische Unterschiede.
Grafik 5 · Wie eindeutig ist die klinische Evidenz?Evidenzmatrix – keine Therapiewahl-Matrix
BereichEvidenzbasis zur LR-/LP-FrageEinordnung der LR-/LP-Evidenz
Kniearthrosemehrere direkte RCTs sowie Meta-Analysendirekte RCTs: kein konsistenter Wirksamkeitsunterschied
Lokale Reaktionenbegrenzte direkte Daten; zusätzlich indirekte Subgruppenanalysenmögliches LR-Signal indirekt; direkte RCTs nicht eindeutig
Laterale Epicondylitiswenige direkte Untersuchungen mit möglicher Kohortenüberlappungwidersprüchliche Ergebnisse und Präparate-Confounding
Andere Tendinopathienkaum direkte LR-/LP-Vergleichekeine Grundlage für eine allgemeine LR-/LP-Regel
Dermatologie / Ästhetikunzureichende direkte LR-/LP-Vergleichsdatenkeine belastbare allgemeine Präferenz ableitbar

Die Übersicht beschreibt die derzeitige Evidenzlage und stellt keine Empfehlung für eine bestimmte PRP-Zusammensetzung oder Anwendung dar.

Fazit: LR und LP sind Zellprofilmerkmale, keine Qualitätsstufen

LR-PRP und LP-PRP sind nützliche beschreibende Kategorien. Sie sind jedoch weder vollständige biologische Profile noch eine Rangliste für „gutes“ oder „schlechtes“ PRP.

Die Gesamtzahl der Leukozyten sagt nicht aus, welche Leukozytensubpopulationen dominieren. Gleichzeitig unterscheiden sich LR- und LP-Produkte in klinischen Studien häufig nicht ausschließlich bei den weißen Blutzellen. Auch Thrombozytenkonzentration, absolute Thrombozytenzahl, Erythrozyten, Volumen, Aktivierung und Herstellungsprozess können variieren.

Die klinische Evidenz passt zu dieser biologischen Komplexität. Bei Kniearthrose zeigen direkte randomisierte Vergleiche bislang keinen konsistenten Wirksamkeitsunterschied. Bei Tendinopathien sind die Daten widersprüchlich und zusätzlich durch unterschiedliche Präparatecharakteristika erschwert.

Für einen belastbaren Vergleich sollte PRP deshalb nicht nur als LR oder LP bezeichnet, sondern möglichst quantitativ charakterisiert und nachvollziehbar dokumentiert werden.

Wissen & Tools

PRP-Zellprofil strukturiert einordnen

Wenn entsprechende Ausgangs- und Endwerte vorliegen, kann der PRP-Klassifikations- & Reporting-Rechner verfügbare Angaben zu Thrombozyten, Leukozyten, Recovery und weiteren Parametern strukturiert darstellen.

PRP-Klassifikation & Reporting öffnen

FAQ

Häufige Fragen zu LR-PRP und LP-PRP

Was ist LR-PRP?
LR-PRP steht für leukocyte-rich platelet-rich plasma. Gemeint ist PRP mit einem nach der jeweils verwendeten Definition erhöhten beziehungsweise enthaltenen Leukozytenanteil. Eine weltweit einheitliche absolute WBC-Grenze für LR-PRP existiert nicht.
Was ist LP-PRP?
LP-PRP steht für leukocyte-poor platelet-rich plasma. Die Bezeichnung beschreibt ein Präparat mit reduziertem Leukozytengehalt nach der jeweils verwendeten Definition beziehungsweise Aufbereitung. Verschiedene LP-Präparate können sich bei Thrombozyten, RBC, Volumen und weiteren Parametern trotzdem deutlich unterscheiden.
Ab welchem Leukozytenwert gilt PRP als LR-PRP?
Es existiert kein universeller Grenzwert, der in allen PRP-Klassifikationen gleichermaßen verwendet wird. Deshalb sind der tatsächlich gemessene WBC-Wert und die verwendete Definition aussagekräftiger als das Kürzel LR allein.
Ist LP-PRP besser für Gelenke?
Eine solche allgemeine Aussage ist nicht durch die aktuelle Evidenz gedeckt. Bei Kniearthrose zeigen direkte randomisierte LR-vs.-LP-Vergleiche bislang keinen konsistenten Wirksamkeitsunterschied. Eine 2026er Network-Meta-Analyse fand im direkten Vergleich ebenfalls keinen statistisch signifikanten Unterschied; die Evidenzsicherheit dieses Vergleichs war niedrig.
Ist LR-PRP besser für Sehnen?
Auch dafür gibt es keine allgemeine Regel. Besonders bei lateraler Epicondylitis liefern aktuelle Studien widersprüchliche Ergebnisse. Zudem unterscheiden sich die untersuchten LR- und LP-Präparate teilweise gleichzeitig bei der Thrombozytenkonzentration und weiteren Merkmalen.
Sind Leukozyten im PRP schädlich?
Eine pauschale Aussage ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Leukozyten können mit unterschiedlichen Zytokinen, Wachstumsfaktoren und Proteasen zum Gesamtprofil beitragen. Welche klinische Bedeutung daraus entsteht, lässt sich nicht aus dem WBC-Wert allein ableiten.
Ist LR-PRP automatisch neutrophilenreich?
Nein. Es wurden LR-Präparate beschrieben, deren Leukozytendifferential zu mehr als 89 % aus Lymphozyten und zu weniger als 11 % aus Neutrophilen bestand.
Welche Zellwerte sollten bei PRP dokumentiert werden?
Für wissenschaftliche Vergleichbarkeit empfehlen Experten unter anderem die Dokumentation von Thrombozytenzahl, Gesamtleukozyten, Neutrophilen, Erythrozyten, Gesamtvolumen und verwendetem beziehungsweise appliziertem Volumen sowie relevanten Applikationsparametern.

Literatur

Ausgewählte wissenschaftliche Quellen

  1. 1KlassifikationDohan Ehrenfest DM et al. Classification of platelet concentrates. Trends Biotechnol. 2009. PMID 19187989.
  2. 2KlassifikationDeLong JM et al. Platelet-rich plasma: the PAW classification system. Arthroscopy. 2012. PMID 22738751.
  3. 3LaborKobayashi Y et al. Leukocyte concentration and composition in platelet-rich plasma influences the growth factor and protease concentrations. J Orthop Sci. 2016. PMID 27503185.
  4. 4LaborBaria M et al. Cellular Components and Growth Factor Content of Platelet-Rich Plasma With a Customizable Commercial System. Am J Sports Med. 2019. PMID 30848659.
  5. 5LaborZiegler CG et al. Characterization of Growth Factors, Cytokines, and Chemokines in Bone Marrow Concentrate and Platelet-Rich Plasma. Am J Sports Med. 2019. PMID 31034242.
  6. 6LaborMarathe A et al. Double-Spin Leukocyte-Rich Platelet-Rich Plasma Is Predominantly Lymphocyte Rich With Notable Concentrations of Other White Blood Cell Subtypes. 2022. PMID 35494265.
  7. 7RCTDi Martino A et al. Leukocyte-Rich versus Leukocyte-Poor Platelet-Rich Plasma for the Treatment of Knee Osteoarthritis. 2022. PMID 35103547.
  8. 8LaborNiemann M et al. Individual immune cell and cytokine profiles determine platelet-rich plasma composition. 2023. PMID 36627721.
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  10. 10KonsensusHurley ET et al. Experts Achieve Consensus on a Majority of Statements Regarding Platelet-Rich Plasma Treatments. 2024. PMID 37625660.
  11. 11KonsensusLaver L et al. The use of injectable orthobiologics for knee osteoarthritis: A European ESSKA-ORBIT consensus. 2024. PMID 38436492.
  12. 12RCTRomandini I et al. Leukocytes Do Not Influence the Safety and Efficacy of Platelet-Rich Plasma Injections for the Treatment of Knee Osteoarthritis. 2024. PMID 39394763.
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  14. 14Meta-AnalyseNakagawa HF et al. Assessment of adverse events and safety associated with intra-articular platelet-rich plasma injections. 2026. PMID 42101047.
  15. 15RCTWałecka J et al. Molecular background behind lateral elbow pain reduction with Leukocyte-Rich and Leukocyte-Poor Platelet-Rich Plasma. 2026. PMID 41579194.
  16. 16Network-MACha JM et al. Comparative Effectiveness of Focused Versus Radial Extracorporeal Shockwave Therapy and Leukocyte-Poor Versus Leukocyte-Rich Platelet-Rich Plasma for Lateral Epicondylitis. 2026. PMID 42739684.
  17. 17Meta-AnalyseAlshehri D et al. Platelet-Rich Plasma Provides Greater Pain Relief and Functional Improvement Than Hyaluronic Acid for Knee Osteoarthritis. 2026. PMID 42744121.
  18. 18RCTWałecka J et al. Comparative Efficacy of Leukocyte-Rich and Leukocyte-Poor PRP for Lateral Epicondylitis on Isokinetic and Isometric Upper Limb Strength under an Identical Rehabilitation Protocol. 2026. PMID 42829102.

Nur für Fachanwender. Dieser Fachbeitrag dient der wissenschaftlichen Einordnung von PRP-Zellprofilen und der aktuellen Fachliteratur. Er stellt keine Diagnose-, Therapie-, Dosierungs- oder Behandlungsempfehlung dar. Zweckbestimmung und Gebrauchsanweisung verwendeter Medizinprodukte sowie die fachliche Beurteilung im individuellen medizinischen Kontext bleiben maßgeblich.

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