Fachbeitrag · PRP-Standardisierung & Reporting

PRP richtig charakterisieren: Thrombozytendosis, Recovery und Zellprofil

Zwei Präparate können beide als Platelet-Rich Plasma (PRP) bezeichnet werden und sich trotzdem deutlich unterscheiden. Konzentration, Volumen, absolute Thrombozytenzahl, Recovery, Leukozyten- und Erythrozytenanteil sowie Aktivierungsstatus beschreiben jeweils andere Eigenschaften. Dieser Beitrag zeigt, welche Kennzahlen für eine nachvollziehbare PRP-Charakterisierung relevant sind – und wo ihre Aussagekraft endet.

Drei Präparate – ein Name

PRPgeringerer WBC-Anteil
PRPhöherer WBC-Anteil
PRPzusätzlicher RBC-Anteil
ThrombozytenLeukozytenErythrozyten
Schematische Beispiele unterschiedlicher Zellprofile; keine Klassifikation nach einem bestimmten System.
Zielgruppe: medizinische FachkreiseQuellenstand: 2026Lesezeit: ca. 16 Min.Schwerpunkt: Dosis, Recovery, Zellprofil, KlassifikationHinweis: keine Therapie- oder Dosierungsempfehlung
12,1 %der untersuchten muskuloskelettalen PRP-Studien beschrieben die Herstellung umfassend reproduzierbar.[1]
26,6 %berichteten die Zusammensetzung des finalen PRP quantitativ.[1]
6historische Klassifikationssysteme werden im Beitrag gegenübergestellt.
2025/26aktuelle Meta-Analysen differenzieren stärker zwischen Konzentrationsfaktor und Gesamtzahl.[3], [4]

Das Wichtigste in Kürze

  • Drei Kennzahlen, drei Fragen: Konzentrationsfaktor, absolute Thrombozytenzahl und Recovery beschreiben unterschiedliche Eigenschaften – keine ersetzt die andere.
  • Ohne Volumen keine Dosis: Erst Konzentration × Volumen ergibt eine Gesamtzahl. Gewonnenes und tatsächlich verwendetes Volumen sind zu trennen.
  • PRP ist mehr als Thrombozyten: Leukozyten, Neutrophile, Erythrozyten, Aktivierung und Herstellungsparameter gehören zur Charakterisierung.
  • Keine Rangliste: Sechs Klassifikationen bilden jeweils Ausschnitte ab. MIBO ergänzt Anforderungen an das Studien-Reporting.
01Das Grundproblem

Was bedeutet „PRP-Qualität“ überhaupt?

Der Begriff „PRP-Qualität“ wird sehr unterschiedlich verwendet. Mal ist damit eine hohe Thrombozytenkonzentration gemeint, mal ein niedriger Leukozytenanteil, eine hohe Recovery oder ein besonders thrombozytenreiches Zellprofil. Eine solche Gleichsetzung ist problematisch.

In diesem Beitrag bezeichnet PRP-Qualität vor allem die nachvollziehbare Charakterisierung und Dokumentation eines Präparats. Je vollständiger bekannt ist, was aus welchem Ausgangsmaterial mit welchem Verfahren gewonnen und anschließend verwendet wurde, desto besser lassen sich Präparate und wissenschaftliche Arbeiten miteinander vergleichen.

Ein aktueller umfassender Review nennt genau diese Variabilität als eines der zentralen Standardisierungsprobleme: Thrombozyten- und Leukozytengehalt, Erythrozytenkontamination, Aktivierung, Recovery sowie Herstellungs- und Isolationsverfahren unterscheiden sich teilweise erheblich.[2]

Für diesen Beitrag gilt deshalb:

Eine hohe Konzentration, Recovery oder eine bestimmte Klassifikationsstufe ist keine indikationsübergreifende Wirksamkeits- oder Qualitätsrangliste. Die Kennzahlen beschreiben zunächst das Präparat.

02Kennzahl 1

Konzentrationsfaktor: Warum „4× PRP“ allein wenig aussagt

Der Konzentrationsfaktor beschreibt das Verhältnis zwischen der Thrombozytenkonzentration im gewonnenen PRP und der Ausgangskonzentration im Vollblut. Unser durchgängiges Rechenbeispiel verwendet 250.000 Thrombozyten/µl im Vollblut und 1.000.000/µl im gewonnenen PRP.

Konzentrationsfaktor= Thrombozytenkonzentration im PRPThrombozytenkonzentration im Vollblut Masterbeispiel: 1.000.000/µl ÷ 250.000/µl = 4×

Was in dieser Zahl fehlt, ist das Volumen. Genau deshalb sagt ein Konzentrationsfaktor allein noch nichts darüber aus, wie viele Thrombozyten insgesamt im gewonnenen oder tatsächlich verwendeten PRP enthalten sind.

Abb. 1 · Gleiche Konzentration ≠ gleiche Gesamtzahl

Präparat A

1.000.000/µl
× 1 ml

= 1 Mrd.

Präparat B

1.000.000/µl
× 3 ml

= 3 Mrd.
Abb. 1 — Gleiche Punktdichte, dreifaches Volumen: Konzentration und Gesamtzahl beantworten unterschiedliche Fragen. Rechenbeispiel, keine Dosierempfehlung.
03Kennzahl 2

Absolute Thrombozytendosis: Konzentration × Volumen

Wird zusätzlich zur Konzentration das Volumen berücksichtigt, lässt sich die absolute Thrombozytenzahl bestimmen.

Absolute Thrombozytenzahl=Thrombozytenkonzentration×betrachtetes Volumen Masterbeispiel: 1.000.000/µl × 3 ml (= 3.000 µl) = 3 Mrd. Thrombozyten

Bei 1.000.000 Thrombozyten/µl und 3 ml gewonnenem PRP befinden sich rechnerisch 3 Milliarden Thrombozyten im gesamten gewonnenen Volumen.

Wichtig ist die sprachliche Trennung: Die gewonnene Gesamtzahl ist nicht zwingend identisch mit der tatsächlich verwendeten beziehungsweise applizierten Gesamtzahl. Wird nur ein Teil des gewonnenen PRP verwendet, unterscheiden sich beide Werte.

Was aktuelle Studien zu Konzentration und Gesamtzahl zeigen

Gesamtzahl · Kniearthrose

1–5, 5–10 und >10 Milliarden

Gruppierung der Meta-Analyse; 5–10 Mrd. zeigten in dieser Kniearthrose-Analyse den größten funktionellen Effektschätzer gegenüber Hyaluronsäure – keine allgemeine Zielvorgabe.

Eine 2026 publizierte Meta-Analyse gruppierte PRP nach der total deliverable platelet dose. In dieser Kniearthrose-Analyse war der Bereich von 5–10 Milliarden mit den stärksten funktionellen Effekten gegenüber Hyaluronsäure assoziiert.[3]

Keine allgemeine Zielvorgabe: Die Daten sind indikations- und protokollspezifisch und definieren keine universelle PRP-Dosis.

Konzentrationsfaktor · Kniearthrose

Moderate Anreicherung statt „mehr ist immer besser“

Konzentrationsfaktor gegenüber Vollblut; moderate Bereiche waren in dieser Kniearthrose-Analyse günstiger assoziiert – kein allgemeiner Zielbereich.

Eine 2025 publizierte Meta-Analyse ordnete Studien nach dem Konzentrationsfaktor gegenüber Vollblut. In dieser Kniearthrose-Analyse waren moderate Konzentrationsbereiche mit günstigeren Ergebnissen assoziiert als sehr starke Anreicherungen.[4]

Auch daraus folgt kein allgemeiner Sweet Spot. Konzentrationsfaktor und Gesamtzahl sind unterschiedliche Größen.

Warum sich diese Befunde nicht zwingend widersprechen

Ein moderater Konzentrationsfaktor kann bei größerem Endvolumen eine hohe absolute Thrombozytenzahl liefern. Umgekehrt kann ein stark konzentriertes Präparat in sehr kleinem Volumen eine niedrigere Gesamtzahl enthalten. Deshalb dürfen Konzentrationsfaktor und Dosis nicht gleichgesetzt werden.

Konzentrationsfaktor

Präparat X8×
Präparat Y4×

Absolute Gesamtzahl

Präparat X2 Mrd.
Präparat Y3 Mrd.

Rechenbeispiel bei 250.000/µl Baseline: X = 2.000.000/µl × 1 ml · Y = 1.000.000/µl × 3 ml. Fiktive Werte, keine Behandlungsempfehlung.

04Kennzahl 3

Platelet Recovery: Wie viele Thrombozyten werden zurückgewonnen?

Die Platelet Recovery beschreibt, welcher Anteil der im verarbeiteten Ausgangsblut vorhandenen Thrombozyten nach der Aufbereitung im gewonnenen PRP wiedergefunden wird.

Recovery (%)= PRP-Konzentration × gewonnenes PRP-VolumenVollblut-Konzentration × verarbeitetes Blutvolumen×100 Masterbeispiel: 3 Mrd. ÷ 5 Mrd. × 100 = 60 %

In unserem Masterbeispiel befinden sich in 20 ml Vollblut mit 250.000 Thrombozyten/µl rechnerisch 5 Milliarden Thrombozyten. Im gewonnenen PRP befinden sich 3 Milliarden. Daraus ergibt sich eine Recovery von 60 %.

Die DEPA-Klassifikation verwendet diese Größe als Maß der Produktionseffizienz.[5] Eine höhere Recovery bedeutet zunächst, dass ein größerer Anteil der Ausgangsthrombozyten im gewonnenen PRP wiedergefunden wurde. Sie ist kein direkter Wirksamkeitsnachweis.

Konzentrationsfaktor

Wie stark ist die Konzentration gegenüber Baseline gestiegen?

Im Masterbeispiel: 4×

Recovery

Welcher Anteil der Ausgangsthrombozyten wurde zurückgewonnen?

Im Masterbeispiel: 60 %

Dosis / Gesamtzahl

Wie viele Thrombozyten befinden sich im betrachteten Volumen?

Im Masterbeispiel: 3 Mrd. gewonnen
Interaktiv

PRP-Kennzahlen am Rechenbeispiel nachvollziehen

Die voreingestellten Werte entsprechen dem Masterbeispiel. Änderungen dienen nur der mathematischen Veranschaulichung.

ml verarbeitet
×10³/µl
ml
×10³/µl
ml · max. gewonnenes Volumen
4,0×Konzentrationsfaktor
3,00 Mrd.im gewonnenen PRP
60,0 %Platelet Recovery
2,00 Mrd.im verwendeten Volumen

Wo bleiben die Thrombozyten?

Im verarbeiteten Vollblut5,00 Mrd.
Im gewonnenen PRP3,00 Mrd.
Im verwendeten Volumen2,00 Mrd.
Rechenhilfe zur Erklärung von Kennzahlen, keine Therapie-, Produkt- oder Dosierungsempfehlung. Tatsächliche Werte müssen gemessen werden; aus Röhrchen- oder Systemeigenschaften allein dürfen sie nicht geschätzt werden.
05Kennzahl 4

Reinheit und Zellprofil: PRP besteht nicht nur aus Thrombozyten

Je nach Aufbereitungsverfahren können PRP-Präparate unterschiedliche Anteile von Thrombozyten, Leukozyten und Erythrozyten enthalten. Auch neutrophile Granulozyten werden in einzelnen Klassifikationssystemen separat berücksichtigt.

Die DEPA-Klassifikation führte neben Dosis und Recovery zusätzlich die Purity ein. Dabei wird betrachtet, welchen relativen Anteil die Thrombozyten an den berücksichtigten zellulären Bestandteilen des Präparats haben. Die Originalarbeit unterscheidet >90 %, 70–90 %, 30–70 % und <30 %.[5]

A>90 %very pure
B70–90 %pure
C30–70 %heterogeneous
D<30 %whole blood PRP

DEPA-Purity: relativer Thrombozytenanteil an den berücksichtigten Zellen – Beschreibungsstufen, keine Rangfolge.

Nomenklatur beachten

Begriffe wie „pure“ und „very pure“ sind Bezeichnungen innerhalb der DEPA-Klassifikation. Sie bedeuten nicht automatisch „klinisch besser“ oder „wirksamer“. Die Originalarbeit warnt selbst davor, Klassifikationsbuchstaben als Qualitätsrangfolge zu interpretieren.[5]

Leukozytenreich oder leukozytenarm: Ist eines grundsätzlich besser?

Die biologische Bedeutung der Leukozyten ist komplex. „Leukozyten“ ist zudem ein Sammelbegriff für verschiedene Zellpopulationen mit unterschiedlichen Funktionen. Deshalb lässt sich der Leukozytengehalt nicht sinnvoll mit einer einfachen Regel „vorhanden = schlecht“ oder „nicht vorhanden = gut“ bewerten.

Eine 2026 veröffentlichte Network-Meta-Analyse verglich leukozytenreiches PRP, leukozytenarmes PRP, Hyaluronsäure und Placebo bei Kniearthrose. Eingeschlossen wurden 21 randomisierte Studien mit insgesamt 2.254 Patienten. Einen statistisch signifikanten direkten Wirksamkeitsunterschied zwischen LP-PRP und L-PRP zeigte die Analyse nicht.[6]

21randomisierte Studien eingeschlossen
2.254Patienten mit Kniearthrose
LP vs. Lkein signifikanter direkter Wirksamkeitsunterschied

Das bedeutet nicht, dass der Leukozytengehalt irrelevant ist. Die Zellzusammensetzung ist eine relevante Präparateigenschaft; ihre klinische Bedeutung muss indikations- und protokollspezifisch untersucht werden.

Schon die PAW-Klassifikation berücksichtigt neben den Gesamtleukozyten zusätzlich neutrophile Granulozyten.[7] Vertiefend: PRP jenseits der Thrombozytenzahl: Proteomik und Metabolomik.

06Prozessparameter

Aktivierung als eigenständiger Parameter

Aktivierungsstatus

Auch der Aktivierungsstatus gehört zu den wiederkehrenden Parametern der PRP-Klassifikationen. Für eine nachvollziehbare Charakterisierung ist relevant, ob und auf welche Weise eine exogene Aktivierung vorgenommen wurde. In der Literatur werden beispielsweise Calciumverbindungen oder Thrombin beschrieben. Der Aktivierungsstatus ist Bestandteil von Mishra, PAW, PLRA, DEPA und MARSPILL.[9]–[11] Aus „aktiviert“ oder „nicht aktiviert“ folgt jedoch keine allgemeine Rangfolge.

Single Spin und Double Spin: Herstellungsmerkmal statt Qualitätssiegel

Ein zusätzlicher Zentrifugationsschritt kann Endvolumen, Zellkonzentrationen und Zellverteilung beeinflussen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Double-Spin-PRP einem Single-Spin-Präparat klinisch überlegen ist. MARSPILL nimmt die Zahl der Zentrifugationsschritte als Herstellungsparameter auf.[11]

Technische Grundlagen: PRP-Zentrifugation: RCF, RPM, Rotorradius und Laufzeit.

Abb. 2 · Vom Vollblut zum charakterisierten PRP

1 · Ausgang

20 ml Vollblut

250.000 Thrombozyten/µl

= 5 Mrd. Ausgang
2 · Aufbereitung

Verfahren

System · RCF · Zeit
Spins · Aktivierung

Prozessdaten dokumentieren
3 · Gewonnen

3 ml PRP

1.000.000 Thrombozyten/µl

= 3 Mrd. gewonnen
4 · Abgeleitete Werte
  • 4×Konzentrationsfaktor
  • 60 %Recovery
  • 2 Mrd.bei 2 ml verwendet

Zusätzlich dokumentieren:

WBCNeutrophileRBCAktivierungEndvolumenRöhrchensystemZentrifugationverwendetes Volumen

Erst die Kombination aus Ausgangswerten, Prozessdaten und Endproduktmessung macht PRP nachvollziehbar vergleichbar.

Abb. 2 — Das Masterbeispiel verbindet Baseline, gewonnenes PRP und die daraus abgeleiteten Kennzahlen. Fiktive Werte zur Erläuterung; keine Behandlungsempfehlung.
07Nomenklatur

Sechs PRP-Klassifikationen – und warum keine allein alles beschreibt

Die bekannten PRP-Klassifikationen entstanden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Sie sollten nicht als konkurrierende Schulnoten verstanden werden. Jede beschreibt einen bestimmten Ausschnitt des Präparats oder Herstellungsprozesses.

Ehrenfest2009

Schwerpunkt
Leukozyten + Fibrinarchitektur
Besonderheit
P-PRP, L-PRP, P-PRF, L-PRF

Dohan Ehrenfest et al. klassifizierten Thrombozytenkonzentrate anhand von Leukozytengehalt und Fibrinarchitektur in P-PRP, L-PRP, P-PRF und L-PRF.[8] Das System liefert keinen universellen numerischen WBC-Schwellenwert, aus dem sich allein anhand einer Zellzahl automatisch „Leukozyten vorhanden“ ableiten ließe.

Erfasst:WBCFibrinarchitektur

Mishra2012

Schwerpunkt
WBC, Aktivierung, Konzentrationsstufe
Besonderheit
historische 5×-Grenze

Mishra et al. kombinierten Leukozytengehalt, exogene Aktivierung und eine historische Konzentrationsgrenze von etwa 5× gegenüber Baseline.[9] Diese 5×-Grenze ist eine Klassifikationsgrenze und kein Beleg für eine therapeutisch optimale Konzentration.

Erfasst:ThrombozytenWBCAktivierung

PAW2012

Schwerpunkt
Platelets, Activation, White cells
Besonderheit
Neutrophile separat berücksichtigt

PAW steht für Platelets, Activation und White cells. Das System beschreibt Thrombozytenkonzentration/-zahl, Aktivierungsstatus und Leukozytenprofil; neutrophile Granulozyten werden zusätzlich berücksichtigt.[7] Eine absolute applizierte Dosis aus Konzentration × Volumen ist kein eigenständiger PAW-Parameter.

Erfasst:ThrombozytenWBCNeutrophileAktivierung

PLRA2015

Schwerpunkt
Platelets, Leukocytes, RBC, Activation
Besonderheit
Volumen für quantitative Interpretation relevant

PLRA steht für Platelets, Leukocytes, Red blood cells und Activation. Mautner et al. forderten zudem, das verwendete Volumen so zu berichten, dass quantitative Unterschiede zwischen Präparaten nachvollziehbar werden.[10] Einzelne historische Grenzdefinitionen bleiben in der praktischen Operationalisierung erklärungsbedürftig.

Erfasst:Thrombozytenappliziertes VolumenWBCRBCAktivierung

DEPA2016

Schwerpunkt
Dose, Efficiency, Purity, Activation
Besonderheit
Recovery und relative Zellreinheit

DEPA steht für Dose, Efficiency, Purity und Activation. Die Klassifikation verbindet absolute Thrombozytenzahl, Recovery, relative Zellzusammensetzung und Aktivierungsstatus.[5] Die Kategorien sind Beschreibungen – keine universelle Wirksamkeitsrangliste.

Erfasst:Thrombozytenabsolute DosisWBCRBCAktivierungRecovery

MARSPILL2017

Schwerpunkt
Zellprofil + Prozessparameter
Besonderheit
u. a. Spins, Bildführung und Lichtaktivierung

MARSPILL erweitert die Einordnung um Prozessparameter wie Herstellungsart, Aktivierung, RBC, Anzahl der Spins, Thrombozyten, Bildführung, Leukozyten und Lichtaktivierung.[11] Dadurch beantwortet das System andere Fragen als eine rein zelluläre Klassifikation.

Erfasst:ThrombozytenWBCRBCAktivierungProzess/Applikation

Abb. 3 · Was erfassen die sechs Klassifikationen?

Matrix der Parameter in sechs PRP-Klassifikationen: Ehrenfest, Mishra, PAW, PLRA, DEPA und MARSPILL
SystemThrombo­zytenabsolute DosisWBCNeutro­phileRBCAkti­vierungRecoveryFibrin­architekturProzess/ Applikation
Ehrenfest2009nicht erfasstnicht erfassterfasstnicht erfasstnicht erfasstnicht erfasstnicht erfassterfasstnicht erfasst
Mishra2012erfasstnicht erfassterfasstnicht erfasstnicht erfassterfasstnicht erfasstnicht erfasstnicht erfasst
PAW2012erfasstnicht erfassterfassterfasstnicht erfassterfasstnicht erfasstnicht erfasstnicht erfasst
PLRA2015erfasst◐ableitbar aus Konzentration und appliziertem Volumen, keine eigenständige PLRA-Kategorieerfasstnicht erfassterfassterfasstnicht erfasstnicht erfasstnicht erfasst
DEPA2016erfassterfassterfasstnicht erfassterfassterfassterfasstnicht erfasstnicht erfasst
MARSPILL2017erfasstnicht erfassterfasstnicht erfassterfassterfasstnicht erfasstnicht erfassterfasst
erfasst in5/62/66/61/63/65/61/61/61/6

◐ PLRA: Eine absolute Gesamtzahl ist aus Thrombozytenkonzentration × appliziertem Volumen ableitbar, aber keine eigenständige PLRA-Kategorie.

Abb. 3 — Schematische Vergleichsmatrix: Leukozyten berücksichtigen alle sechs Systeme, Recovery, Neutrophile, Fibrinarchitektur und Prozessparameter jeweils nur eines. Kein System erfasst sämtliche Dimensionen; die Matrix ersetzt nicht die jeweilige Originaldefinition.
08Operationalisierung

Wo die Klassifikationen an ihre Grenzen kommen

Historische Klassifikationssysteme sind hilfreich, aber nicht für jede moderne Softwarelogik vollständig operationalisiert. Offene Stellen sollten deshalb transparent ausgewiesen werden.

Ehrenfest

Kein universeller WBC-Grenzwert

Die Einteilung basiert auf Leukozytengehalt und Fibrinarchitektur. Ein numerischer Schwellenwert, aus dem Software automatisch „Leukozyten vorhanden“ ableiten könnte, ist nicht allgemein vorgegeben.[8]

DEPA

Gewonnenes vs. tatsächlich verwendetes Volumen

Die Originalarbeit nennt „dose of injected platelets“, berechnet sie aber aus Konzentration × gewonnenem PRP-Gesamtvolumen. Die tatsächlich verwendete Menge kann davon abweichen.[5]

PLRA / MARSPILL

Grenzfälle nicht erfinden

Wo historische Definitionen Bezugsgrößen oder exakte Grenzfälle nicht eindeutig operationalisieren, sollte eine digitale Einordnung diese Unsicherheit sichtbar machen statt eigene Regeln zu ergänzen.

Eigene PRP-Messwerte einordnen

Liegen Ausgangs- und Endwerte vor, können Konzentrationsfaktor, Dosis, Recovery und Zellprofil getrennt berechnet und anschließend nach publizierten Klassifikationssystemen eingeordnet werden.

PRP-Klassifikationsrechner öffnen
09Reporting

MIBO: Reporting statt Klassifikation

MIBO steht für Minimum Information for Studies Evaluating Biologics in Orthopaedics. Die 2017 publizierten Empfehlungen entstanden in einem Delphi-Konsensverfahren und mündeten für PRP in eine 23-Punkte-Checkliste.[12]

2017publiziert
DelphiKonsensverfahren
23Punkte in der PRP-Checkliste

MIBO ist deshalb keine siebte PRP-Klassifikation. Klassifikationssysteme beschreiben Eigenschaften eines Präparats; MIBO beschreibt, welche Informationen eine Studie berichten sollte, damit ihre Methodik nachvollziehbar beurteilt und reproduziert werden kann.

Das Reporting-Problem besteht weiterhin

Eine aktuelle Analyse von 87 Kniearthrose-RCTs fand besonders niedrige Reportingraten für Ausgangsvollblut, Recovery, Endproduktanalyse und Aktivierung.[13]

Anteil der RCTs, die den Parameter berichten

Ausgangsvollblut ausreichend beschrieben20 %
Platelet Recovery berichtet22 %
Finales PRP analysiert30 %
Aktivierung dokumentiert47 %

Basis: 87 randomisierte Studien zur Kniearthrose.[13]

Wenn unterschiedlich zusammengesetzte Präparate unter demselben Sammelbegriff „PRP“ zusammengefasst werden, erschwert das die Interpretation und Vergleichbarkeit klinischer Studien.

10Systemangaben

Was Hersteller- und Systemangaben nicht beantworten können

Ein PRP-System oder PRP-Röhrchen kann technisch genau beschrieben sein. Herstellerangaben können beispielsweise Röhrchenvolumen, Material, Antikoagulans, Trenngel, vorgesehene Zentrifugationsbedingungen oder ein vorgesehenes Endvolumen dokumentieren.

Solche Angaben ersetzen jedoch keine tatsächliche quantitative Analyse von Ausgangsblut und gewonnenem PRP. Ohne entsprechende Messdaten lassen sich für den individuellen Aufbereitungsvorgang nicht automatisch bestimmen:

  • tatsächliche Ausgangs- und PRP-Thrombozytenkonzentration
  • Konzentrationsfaktor und Recovery
  • absolute gewonnene oder tatsächlich verwendete Thrombozytenzahl
  • tatsächlicher Leukozyten- und Erythrozytengehalt
  • vollständige Einordnung nach DEPA, PAW oder PLRA
Pauschalaussage – so nicht belastbarDieses Röhrchen erzeugt immer 5× PRP.

Eine solche pauschale Aussage wäre nur dann belastbar, wenn die dafür erforderlichen Messdaten und Bedingungen entsprechend belegt sind.

11Evidenzlage

Was sich aus dem aktuellen Forschungsstand ableiten lässt – und was nicht

Gut begründbar
  • PRP-Präparate können sich erheblich in ihrer Zusammensetzung unterscheiden.
  • Konzentrationsfaktor und absolute Thrombozytenzahl sind unterschiedliche Größen.
  • Das betrachtete Volumen beeinflusst die absolute Gesamtzahl.
  • Recovery beschreibt die Effizienz der Thrombozytengewinnung.
  • Zellprofil, Aktivierung und Herstellungsparameter sollten dokumentiert werden.
  • Unvollständiges Reporting erschwert Studienvergleiche.
Nicht allgemein ableitbar
  • ein universell optimaler Konzentrationsfaktor
  • eine universell optimale Thrombozytendosis
  • eine grundsätzlich überlegene LR-/LP-Zusammensetzung
  • eine klinisch „beste“ Recovery
  • eine grundsätzlich überlegene DEPA-Kategorie
  • ein generell überlegenes Single- oder Double-Spin-Verfahren
12Fazit

PRP sollte gemessen und beschrieben werden, nicht nur benannt

Der Begriff „PRP“ allein sagt vergleichsweise wenig über das tatsächlich vorliegende Präparat aus. Selbst eine Angabe wie „4× konzentriert“ beantwortet noch nicht, wie viele Thrombozyten insgesamt gewonnen beziehungsweise verwendet wurden, wie hoch die Recovery war oder welche anderen Zellbestandteile enthalten waren.

Die vollständige Charakterisierungskette
  1. 1Baseline
  2. 2Konzentration
  3. 3Volumen
  4. 4absolute Thrombozytenzahl
  5. 5Recovery
  6. 6Zellprofil
  7. 7Aktivierung
  8. 8Herstellungsparameter

Klassifikationen wie Ehrenfest, Mishra, PAW, PLRA, DEPA und MARSPILL bilden unterschiedliche Teile dieser Informationen ab. MIBO ergänzt die Klassifikationen um Anforderungen an eine nachvollziehbare wissenschaftliche Berichterstattung.

Keine dieser Klassifikationen ist eine allgemeine Rangliste für „gutes“ und „schlechtes“ PRP. Ihr Wert liegt darin, den unscharfen Sammelbegriff PRP durch messbare und dokumentierbare Eigenschaften zu ersetzen.

PRP nicht nur benennen, sondern nachvollziehbar dokumentieren

Der PRP-Klassifikations- & Reporting-Rechner trennt Konzentrationsfaktor, DEPA-Dosis, tatsächlich verwendete Dosis, Recovery und Zellprofil und ordnet vorhandene Angaben nach sechs publizierten Systemen ein. Fehlende oder uneindeutige Werte werden nicht geschätzt.

PRP-Klassifikation & Reporting öffnen
FAQKurz beantwortet

Häufige Fragen zur PRP-Charakterisierung

Eine Angabe von 5× bedeutet in der Regel, dass die Thrombozytenkonzentration im PRP fünfmal so hoch ist wie im zugrunde gelegten Ausgangsblut. Sie beschreibt einen Konzentrationsfaktor. Ohne Volumen lässt sich daraus die absolute Thrombozytenzahl nicht bestimmen.

Das lässt sich nicht allgemein sagen. Aktuelle Studien untersuchen sowohl Konzentrationsfaktoren als auch absolute Thrombozytenzahlen. Für Kniearthrose zeigen die Daten keine einfache lineare Regel „mehr ist besser“. Ergebnisse aus dieser Indikation dürfen nicht ohne Weiteres auf andere Anwendungen übertragen werden.

Die absolute Thrombozytenzahl ergibt sich aus der Thrombozytenkonzentration multipliziert mit dem betrachteten PRP-Volumen. Dabei sollte unterschieden werden, ob das gesamte gewonnene PRP oder nur das tatsächlich verwendete Volumen gemeint ist.

Platelet Recovery beschreibt, welcher Anteil der im verarbeiteten Vollblut vorhandenen Thrombozyten im gewonnenen PRP wiedergefunden wird. Sie ist damit eine Kennzahl der Aufbereitung beziehungsweise Prozesseffizienz und kein direkter Nachweis klinischer Wirksamkeit.

LR-PRP und LP-PRP unterscheiden sich im Leukozytenprofil. Die genaue Einordnung hängt von der verwendeten Definition beziehungsweise Klassifikation ab. Aus der aktuellen Evidenz lässt sich keine indikationsübergreifend gültige Überlegenheit einer der beiden Formen ableiten.

DEPA steht für Dose, Efficiency, Purity und Activation. Das System beschreibt absolute Thrombozytenzahl, Thrombozyten-Recovery, relative zelluläre Zusammensetzung und Aktivierungsstatus. Die Kategorien sind Klassifikationsstufen und keine allgemeine Wirksamkeitsrangliste.

Keine der etablierten Klassifikationen bildet sämtliche PRP-Parameter vollständig ab. Ehrenfest, Mishra, PAW, PLRA, DEPA und MARSPILL setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Für wissenschaftliches Reporting sollten deshalb auch die zugrunde liegenden Messwerte und Herstellungsparameter direkt angegeben werden.

Aus der Zahl der Zentrifugationsschritte allein lässt sich keine allgemeine klinische Überlegenheit ableiten. Beide Verfahren können unterschiedliche Endvolumina und Zellprofile erzeugen. Entscheidend ist, das tatsächlich resultierende Präparat zu charakterisieren und das verwendete Protokoll nachvollziehbar zu dokumentieren.

↗Weiterlesen

Weiterführende Inhalte bei PRPmed

Quellen

  1. Lim HC et al. Most Orthopaedic Platelet-Rich Plasma Investigations Don't Report Protocols and Composition: An Updated Systematic Review. Arthroscopy. PMID 38522650. PubMed
  2. Rath M et al. Platelet-rich plasma – A comprehensive review of isolation, activation, and application. Acta Biomaterialia. 2025;204:52–75. PMID 40712724. PubMed
  3. Hooper N et al. Platelet-rich plasma outcomes in knee osteoarthritis are associated with the amount of total deliverable platelets: A systematic review and meta-analysis. PM&R. 2026;18(2):210–222. PMID 40980837. PubMed
  4. Simental-Mendía M et al. Influence of platelet count on the clinical effectiveness of platelet-rich plasma in the treatment of knee osteoarthritis: A systematic review and meta-analysis. Orthop Traumatol Surg Res. 2025. PMID 41067625. PubMed
  5. Magalon J et al. DEPA classification: a proposal for standardising PRP use and a retrospective application of available devices. BMJ Open Sport Exerc Med. 2016;2:e000060. PMID 27900152. PMC
  6. Xu B et al. Leukocyte-rich versus leukocyte-poor platelet-rich plasma and hyaluronic acid for knee osteoarthritis: a systematic review and network meta-analysis. J Orthop Surg Res. 2026. PMID 41629990. PubMed
  7. DeLong JM, Russell RP, Mazzocca AD. Platelet-rich plasma: the PAW classification system. Arthroscopy. 2012;28(7):998–1009. PMID 22738751. PubMed
  8. Dohan Ehrenfest DM, Rasmusson L, Albrektsson T. Classification of platelet concentrates: from pure platelet-rich plasma (P-PRP) to leucocyte- and platelet-rich fibrin (L-PRF). Trends Biotechnol. 2009;27(3):158–167. PMID 19187989. PubMed
  9. Mishra A, Harmon K, Woodall J, Vieira A. Sports medicine applications of platelet rich plasma. Curr Pharm Biotechnol. 2012;13(7):1185–1195. PMID 21740373. PubMed
  10. Mautner K et al. A Call for a Standard Classification System for Future Biologic Research: The Rationale for New PRP Nomenclature. PM&R. 2015;7(4 Suppl):S53–S59. PMID 25864661. PubMed
  11. Lana JFSD et al. Contributions for classification of platelet rich plasma – proposal of a new classification: MARSPILL. Regen Med. 2017;12(5):565–574. PMID 28758836. PubMed
  12. Murray IR et al. Minimum Information for Studies Evaluating Biologics in Orthopaedics (MIBO): Platelet-Rich Plasma and Mesenchymal Stem Cells. J Bone Joint Surg Am. 2017;99(10):809–819. PMID 28509821. PubMed
  13. Nakagawa HF et al. Systematic Review of Randomized Controlled Trials Evaluating the Use of Platelet-Rich Plasma for Knee Osteoarthritis: Adherence to Minimum Information for Studies Evaluating Biologics in Orthopaedics. Am J Sports Med. 2025;53(5):1241–1253. PMID 39754417. PubMed
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