Warum sollten Sie PRP-Behandlungen in Ihrer Arztpraxis anbieten?
Nicht jede Arztpraxis sollte PRP anbieten. Wenn das Verfahren jedoch zum Fachgebiet, zum Patientenstamm und zu den vorhandenen Abläufen passt, kann es das Behandlungsspektrum sinnvoll erweitern – medizinisch und aus Sicht der Praxisentwicklung.
Interessant wird PRP dann, wenn drei Dinge zusammenkommen: eine medizinisch begründete Indikation, ein reproduzierbarer Praxisprozess und eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung. PRP sollte nicht als „Wundermethode“, sondern als klar definierte ärztliche Leistung aufgebaut werden.
Medizinische Passung
PRP muss zur Indikation, zum Fachgebiet und zur Patientengruppe passen.
Prozessqualität
Röhrchen, Zentrifuge, SOP, Hygiene und Dokumentation müssen als System funktionieren.
Wirtschaftlichkeit
Material, Zeit sowie Geräte- und Praxiskosten müssen realistisch kalkuliert sein.
PRP ist kein einheitliches Produkt
PRP steht für Platelet-Rich Plasma, also plättchenreiches Plasma. Aus patienteneigenem Blut wird durch Zentrifugation eine Plasmafraktion gewonnen, die gegenüber dem Ausgangsblut eine höhere Thrombozytenkonzentration aufweist. Nach Aktivierung setzen Thrombozyten verschiedene biologisch aktive Signalstoffe frei.
Für den Praxisalltag ist entscheidend: PRP ist nicht überall gleich. Röhrchensystem, Zentrifuge, Rotor, RCF, Laufzeit, Zellzusammensetzung, Volumen und Applikationsprotokoll können sich deutlich unterscheiden. Eine systematische Übersicht mit 75 randomisierten Studien zeigte eine erhebliche Variabilität der Verfahren.[3]
Nicht „PRP anbieten“ ist der Qualitätsstandard, sondern einen sicheren, reproduzierbaren und dokumentierten PRP-Prozess führen.
Sie erweitern Ihr Angebot für Patienten, die bereits zu Ihnen kommen
Der wirtschaftlich interessante Punkt liegt nicht nur in einer neuen Leistung. Viele geeignete Patientengruppen befinden sich bereits im bestehenden Praxisstamm: orthopädische Praxen behandeln Gelenkbeschwerden, dermatologische Praxen sehen Patienten mit Haarausfall und ästhetisch tätige Ärzte beraten zu minimalinvasiven Verfahren.
PRP kann deshalb bei passender Indikation eine zusätzliche Option innerhalb eines bestehenden Behandlungspfades sein. Bei Arthrose ist der potenzielle Patientenpool grundsätzlich groß: Das Robert Koch-Institut berichtet für 2019 eine Arthroseprävalenz von 17,1 % bei Erwachsenen in Deutschland.[7] Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass diese Personen automatisch PRP-Kandidaten sind. Entscheidend bleiben Diagnose, Stadium, Vorbehandlung und individuelle ärztliche Beurteilung.
Für einzelne Indikationen gibt es inzwischen eine relevante Evidenzbasis
Kniearthrose
Die Kniearthrose gehört zu den besser untersuchten PRP-Anwendungen. Der ESSKA-ICRS-Konsensus von 2024 bewertet PRP bei ausgewählten Patienten bis 80 Jahre mit Kellgren-Lawrence 0–III nach erfolglosen konservativen Maßnahmen in bestimmten Situationen als angemessen; als generelle Erstbehandlung und bei Grad IV wurde es nicht als angemessen eingeordnet.[1]
Eine AAPM&R-Guidance von April 2026 empfiehlt, PRP bei symptomatischer leichter bis moderater Kniearthrose nach unzureichendem Erfolg konservativer Maßnahmen in Betracht zu ziehen. Die Guidance ist US-amerikanisch und keine deutsche Leitlinie, unterstreicht aber die inzwischen klinisch relevante Diskussion.[2]
Androgenetische Alopezie
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 bewertet die Evidenz als moderat und beschreibt positive Signale unter anderem bei Haardichte und Haarverlust, verweist aber zugleich auf erhebliche Protokollunterschiede.[4] Eine Metaanalyse im Vergleich zu Minoxidil fand bei wichtigen objektiven Endpunkten keinen generellen eindeutigen Vorteil von PRP.[5] Das spricht für eine sachliche Positionierung als mögliche zusätzliche oder alternative Option nach korrekter Diagnose – nicht als pauschalen Ersatz etablierter Verfahren.
Das spricht für eine sachliche Positionierung als mögliche zusätzliche oder alternative Option nach korrekter Diagnose – nicht als pauschalen Ersatz etablierter Verfahren.
Ästhetische Dermatologie
Auch für Gesicht und Haut liegen positive Studienergebnisse vor. Eine systematische Übersicht von 2025 beschreibt Verbesserungen etwa bei Hauttextur und Falten, betont jedoch die Heterogenität der Protokolle und offene Fragen zur optimalen Anwendung.[6]
PRP ist nicht gleich PRP – und genau hier kann sich eine gute Praxis differenzieren
In der Außendarstellung klingt PRP oft wie ein standardisiertes Präparat. In der Praxis unterscheiden sich Systeme und Protokolle erheblich. Für einen belastbaren Workflow sollten mindestens Röhrchensystem und Charge, Zentrifuge, Rotor, RCF, Laufzeit, gewonnenes Volumen, Applikationsweg und relevante Abweichungen nachvollziehbar dokumentiert werden.
Das schafft nicht nur Rückverfolgbarkeit. Es verbessert auch die Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Behandlungen und hilft, Teamabläufe zu standardisieren.
Der autologe Ansatz ist verständlich – aber nicht risikofrei
Das Ausgangsmaterial stammt aus dem Blut des Patienten. Dieser autologe Ansatz ist für viele Behandlungsmodelle interessant und lässt sich Patienten nachvollziehbar erklären. Daraus folgt jedoch weder ein garantierter Behandlungserfolg noch allgemeine Risikofreiheit.
Blutentnahme und invasive Anwendung können mit unerwünschten Reaktionen oder Komplikationen verbunden sein. Patientenselektion, Kontraindikationen, aseptische Technik, Aufklärung und Nachsorge bleiben deshalb zentrale Bestandteile des Verfahrens.
Aussagen wie „ohne Nebenwirkungen“, „allergiefrei“, „garantierte Regeneration“ oder „PRP baut Knorpel wieder auf“.
Aus der Behandlung wird ein klarer Praxisprozess
Ein professionelles PRP-Angebot sollte nicht vom jeweiligen Mitarbeiter abhängen. Es braucht einen definierten Ablauf von der Indikationsstellung bis zur Nachsorge.
- Indikation festlegen: Diagnose, Behandlungsziel, Alternativen und Ausschlusskriterien definieren.
- Aufklärung standardisieren: Evidenz, Grenzen, Risiken, Kosten und realistische Erwartungen besprechen.
- Material und Gerät abstimmen: Zweckbestimmung, Kompatibilität, Herstellerangaben und Zentrifugationsparameter prüfen.
- Aufbereitung dokumentieren: Röhrchen, Charge, Zentrifuge, Rotor, RCF, Zeit und Volumen erfassen.
- Anwendung dokumentieren: Zielregion, Technik, Volumen und unmittelbare Reaktionen festhalten.
- Nachsorge organisieren: Warnzeichen, Kontrolltermin und Verlauf einheitlich regeln.
PRP kann wirtschaftlich interessant sein – aber nur nach sauberer Kalkulation
PRP kann eine zusätzliche privatärztliche beziehungsweise vom Patienten selbst zu zahlende Leistung darstellen. Eine automatische hohe Marge ergibt sich daraus nicht. Die Wirtschaftlichkeit hängt von Materialkosten, ärztlicher und nichtärztlicher Zeit, Geräteinvestition, Raum, Hygiene, Dokumentation, Nachsorge, Ausfallquote und realistischem Behandlungsvolumen ab.
Eine einfache interne Betrachtung lautet:
Auch die Abrechnung sollte vor Start geprüft werden. Der GOÄ-Ratgeber der Bundesärztekammer zeigt an einem konkreten Fall, dass einzelne Arbeitsschritte wie die Zentrifugation nicht beliebig zusätzlich analog berechnet werden können.[8]
Technik: Nicht nur auf RPM schauen
Für einen funktionierenden Workflow müssen Röhrchen, Zentrifuge, Rotor und Protokoll zusammenpassen. Besonders häufig werden RPM und RCF verwechselt. RPM beschreibt die Drehzahl; die tatsächlich wirkende relative Zentrifugalkraft hängt zusätzlich vom Rotorradius ab.
Die gleiche Drehzahl kann deshalb in zwei verschiedenen Zentrifugen zu einer anderen RCF führen. Maßgeblich bleiben die Herstellerangaben des verwendeten Systems und die vorgesehene Anwendung.
Gute PRP-Kommunikation verkauft nicht weniger – sie verkauft glaubwürdiger
Für medizinische Werbung gelten andere Maßstäbe als für Konsumprodukte. § 3 HWG untersagt irreführende Werbung, insbesondere falsche Wirkaussagen oder den Eindruck eines sicheren Erfolgs.[9]
| Problematische Aussage | Fachlich bessere Formulierung |
|---|---|
| „PRP lässt Haare wieder wachsen.“ | „PRP wird unter anderem bei androgenetischer Alopezie untersucht. Ob eine Behandlung infrage kommt, hängt von Diagnose und ärztlicher Beurteilung ab.“ |
| „PRP regeneriert den Knorpel.“ | „Bei ausgewählten Patienten mit Kniearthrose kann PRP als zusätzliche Behandlungsoption erwogen werden.“ |
| „Natürlich und ohne Nebenwirkungen.“ | „PRP wird aus patienteneigenem Blut gewonnen. Risiken und mögliche Reaktionen werden individuell aufgeklärt.“ |
Wann PRP eher nicht zu Ihrer Praxis passt
Ein schneller Einstieg ist wenig sinnvoll, wenn keine klar definierte Patientengruppe vorhanden ist, die fachliche Kompetenz fehlt oder PRP lediglich eingeführt werden soll, weil es sich gut vermarkten lässt. Dasselbe gilt, wenn Aufbereitung und Dokumentation nicht standardisiert werden können oder Materialien und Geräte ohne Prüfung ihrer Zweckbestimmung kombiniert werden.
Eine gute Entscheidung beginnt daher nicht mit dem Kauf einer Zentrifuge, sondern mit der Frage: Welche konkrete medizinische Leistung möchten wir anbieten – und können wir diesen Prozess dauerhaft sauber abbilden?
Sieben Fragen vor dem Einstieg
- Für welche konkrete Indikation möchten wir PRP anbieten?
- Wie gut ist die Evidenz genau für diese Indikation?
- Welche Patienten kommen infrage – und welche nicht?
- Passen Röhrchensystem, Zentrifuge, Rotor und Aufbereitungsprotokoll zusammen?
- Wie dokumentieren wir Aufklärung, Charge, Zentrifugation, Anwendung und Nachsorge?
- Wie wird die Leistung korrekt kalkuliert und abgerechnet?
- Wie kommunizieren wir PRP ohne Heilversprechen oder unrealistische Erwartungen?
Die eigentliche Antwort auf die Frage
Warum sollten Sie PRP also in Ihrer Praxis anbieten? Nicht, weil PRP gerade gefragt ist, und nicht, weil jede Anwendung wissenschaftlich abschließend geklärt wäre. Interessant wird es, wenn eine medizinisch sinnvolle Indikation, ein professionell beherrschter Prozess und eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung zusammenkommen.
Für entsprechend ausgerichtete Praxen kann daraus eine zusätzliche ärztliche Behandlungsoption entstehen, die sich gut in bestehende Fachgebiete integrieren lässt. Wer PRP so einführt, verkauft nicht einfach eine Eigenblutbehandlung – er etabliert einen kontrollierten medizinischen Prozess.
Was benötigen Sie für einen professionellen PRP-Workflow?
Betrachten Sie nicht nur einzelne Produkte, sondern das Zusammenspiel aus Röhrchensystem, Zentrifuge, Rotor, RCF, Verbrauchsmaterialien, SOP und Dokumentation. Die aktuelle Zweckbestimmung und die Herstellerangaben bleiben maßgeblich.
Fachliche Quellen
- Kon E. et al. (2024): Platelet-rich plasma injections for the management of knee osteoarthritis: The ESSKA-ICRS consensus
- AAPM&R (2026): Clinical Guidance: Platelet-Rich Plasma for Knee Osteoarthritis
- Rahman E. et al. (2024): Systematic Review of Platelet-Rich Plasma in Medical and Surgical Specialties
- Anitua E. et al. (2025): Platelet-Rich Plasma in the Management of Alopecia
- Umar M. et al. (2025): Comparative Efficacy and Safety of Platelet Rich Plasma Versus Minoxidil in Androgenetic Alopecia
- Rodríguez-Castro M. J. et al. (2025): Efficacy of platelet-rich plasma in facial rejuvenation: a systematic review
- Robert Koch-Institut: Arthrose – Prävalenz ab 18 Jahre
- Bundesärztekammer: Behandlung mit plättchenreichem Plasma und Hyaluronsäure – GOÄ-Ratgeber
- Bundesministerium der Justiz: Heilmittelwerbegesetz – § 3
Hinweis: Dieser Fachbeitrag richtet sich an medizinische Fachanwender. Er ersetzt keine individuelle medizinische, rechtliche oder abrechnungsspezifische Prüfung. Die Eignung von Produkten und Verfahren ist anhand der aktuellen Herstellerinformationen, Zweckbestimmung und des konkreten Behandlungsfalls zu prüfen.