Fachbeitrag · Herzchirurgie · Evidenzeinordnung 2026

PRP in der Herzchirurgie: Wundheilung, Blutmanagement und Forschungsstand 2026

Plättchenreiches Plasma ist in der Herzchirurgie kein einheitliches Verfahren. Unter demselben Begriff werden topisches Thrombozytengel an Operationswunden, autologe Plateletpherese im perioperativen Blutmanagement und experimentelle Anwendungen am Myokard untersucht. Diese drei Forschungsfelder müssen getrennt bewertet werden.

Stand 20.08.2026 Zielgruppe medizinische Fachkreise Format narrativer Fachbeitrag
Hinweis: Dieser Beitrag dient der wissenschaftlichen Information. Er ist keine systematische Übersichtsarbeit, keine Behandlungsempfehlung und keine Anleitung zur Anwendung eines bestimmten PRP-Systems. Ergebnisse eines untersuchten Aufbereitungsverfahrens lassen sich nicht automatisch auf andere Systeme oder Produkte übertragen.
Methodik und Auswahl der Quellen

Für diese Evidenzeinordnung wurden bis 20. August 2026 gezielt PubMed/PubMed Central, ClinicalTrials.gov, einschlägige Leitlinien- und Gesetzesquellen sowie die in den Schlüsselarbeiten zitierten Studien geprüft. Berücksichtigt wurden klinische Arbeiten, die die drei im Beitrag getrennten Forschungsfelder abbilden. Zurückgezogene Publikationen werden sichtbar gekennzeichnet und nicht als Wirksamkeitsbeleg verwendet. Die Auswahl ist narrativ und erhebt keinen Anspruch auf die Methodik einer systematischen Übersichtsarbeit.

Kurzfassung

Was der derzeitige Forschungsstand mit vertretbarer Sicherheit zeigt

  • Topisches PRP an der Sternumwunde: positive Signale aus mehreren Beobachtungsstudien, aber kein robust bestätigter Infektionsvorteil aus randomisierter Evidenz.
  • Autologe Plateletpherese: eigener PBM-Forschungszweig mit Signalen für weniger Blutverlust oder Transfusionsbedarf in ausgewählten Settings; ein retrospektives AKI-Sicherheitssignal mahnt zur Zurückhaltung.
  • Direkte Anwendung am Herzmuskel: klinisch weiterhin experimentell; kleine Kombinationsstudien erlauben keine isolierte PRP-Wirkungsaussage.
  • PRP ist nicht gleich PRP: Aufbereitungssystem, Blutvolumen, Zellzusammensetzung, Aktivierung und Anwendungsweg müssen bei jeder Studie mitgelesen werden.
Leselogik

Ein gemeinsamer Name, verschiedene medizinische Ziele

Wundheilung untersucht lokale biologische Effekte an Sternum oder Venenentnahmestelle.

Plateletpherese zielt primär auf Hämostase und Blutmanagement rund um die Herz-Lungen-Maschine.

Myokardiale Anwendungen untersuchen regenerative bzw. angiogene Ansätze und gehören nicht in dieselbe Wirksamkeitsbewertung.

01 · Einordnung

Interaktiv: Drei Forschungswege, die in Publikationen alle „PRP“ heißen

Die Grafik ist bewusst als Auswahlfluss gebaut. Auf Mobilgeräten ordnet sie sich vertikal an, ohne überlappende Elemente.

Autologes BlutAufbereitung abhängig von Ziel und System
Schematische Einordnung – keine Darstellung eines Behandlungsprotokolls.
Evidenz: widersprüchlich

Topische Anwendung an Sternum und Wunde

Mehrere große Beobachtungsstudien berichten deutliche Vorteile. Kontrollierte und randomisierte Daten bestätigen einen sicheren Schutz vor sternalen Wundinfektionen bislang jedoch nicht.

Kernaussage: biologisch plausibel, aber kein robuster randomisierter Wirksamkeitsnachweis für die Infektionsprävention.

02 · Historie

Herzchirurgie kam nicht „50 Jahre nach der Zahnmedizin“

Der Begriff platelet-rich plasma wurde bereits in den 1950er-Jahren in der Transfusionsmedizin verwendet. Ein früher und häufig zitierter Meilenstein der autologen PRP-Nutzung in der Herzchirurgie ist die Arbeit von Ferrari et al. aus dem Jahr 1987: Dort wurde PRP im Rahmen einer autologen Transfusionsstrategie während Herzoperationen gewonnen und später reinfundiert.[1]

Damit ist die verbreitete Erzählung „zuerst Zahnmedizin, rund 50 Jahre später Herzchirurgie“ chronologisch falsch. Die später verbreiteten dentalen und kieferchirurgischen Anwendungen ab den 1990er-Jahren sind ein anderer Entwicklungspfad. Für die heutige Einordnung ist wichtiger: Schon historisch stand in der Herzchirurgie nicht nur Wundheilung, sondern auch Blutmanagement im Vordergrund.

03 · Sternum & Wunden

Warum die großen Prozentzahlen allein nicht reichen

Nach medianer Sternotomie gehören tiefe sternale Wundinfektionen zu den klinisch relevanten Komplikationen. Untersucht wurde deshalb, ob aktiviertes autologes PRP beziehungsweise Platelet Gel als zusätzliche lokale Maßnahme beim Wundverschluss einen Vorteil bringen kann. PRP ersetzt dabei keine etablierte Infektionsprävention.

Patel et al. · 2016 · n = 2.000
2,0 → 0,6 %
berichtete tiefe sternale Wundinfektionen

Aber: sequenzielle, nicht randomisierte Kohorten aus unterschiedlichen Zeiträumen. Die Autoren berechneten für eine verhinderte tiefe Infektion eine NNT von 71 (95-%-KI 41,8–244,5). Die Zahl ist kein allgemeiner Wirksamkeitsbeleg.[8]

Yao et al. · 2021 · 10 Studien

Der Studiendesign-Effekt

In retrospektiven Kohorten waren SWI und DSWI unter PRP seltener. In der Untergruppe randomisierter Studien zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied.[13]

Einordnung: Nicht „wirkungslos“, aber für eine sichere Präventionsaussage reicht die hochwertige Evidenz nicht.

Was in einer häufig zitierten Sternumstudie konkret gemacht wurde

In der Patel-Kohorte wurde vor dem Hautschnitt Vollblut entnommen, in einem Point-of-Care-System separiert, das gewonnene PRP aktiviert und beim Verschluss lokal an Sternum und Weichteilen appliziert. Die Details zeigen, warum diese Studien nicht mit einem beliebigen ambulanten Röhrchensystem gleichgesetzt werden dürfen.[8]

Entnahme52 ml Vollblut + ACD-A in der publizierten Studie
Separationgeschlossenes Point-of-Care-System
AktivierungCalcium/Thrombin im Studienprotokoll
Lokale Applikationbeim Sternumverschluss

Studienbeschreibung, keine Anwendungsanleitung.

Die faire Einordnung entsteht erst im Kontrast: positive große Beobachtungsdaten stehen kleinen kontrollierten Studien ohne bestätigten Infektionsvorteil gegenüber.
04 · Evidenz-Explorer

Studien nach Forschungsbereich und Studiendesign filtern

Die Übersicht zeigt bewusst auch die positiven Beobachtungsstudien. So wird der Unterschied zwischen Studiendesigns sichtbar, statt nur eine Richtung der Literatur auszuwählen.

Alle Schlüsselarbeiten werden angezeigt. Die Auswahl enthält positive und neutrale Befunde aus unterschiedlichen Studiendesigns.
2005Trowbridge
n = 2.259
retrospektiv

Platelet Gel und Wundinfektionen

382 behandelte Patienten wurden mit 948 parallelen und 929 historischen Kontrollen verglichen. Oberflächliche Infektionen lagen bei 0,3 % versus 1,8 % bzw. 1,5 %, tiefe Sternuminfektionen bei 0 % versus 1,5 % bzw. 1,7 %. Das Design bleibt anfällig für Verzerrung.[2]

PubMed · PMID 16524157

2009Litmathe
n = 44
prospektiv

Hochrisikopatienten in der Koronarchirurgie

Prospektiv und doppelblind. Keine signifikanten Unterschiede bei größeren oder kleineren Wundkomplikationen; auch weitere perioperative Endpunkte waren vergleichbar.[3]

PubMed · PMID 20093332

2011Almdahl
n = 140
randomisiert

Venenentnahmestelle nach CABG

Wundinfektionen bei 9/70 Patienten mit topischem PRP versus 8/70 Kontrollen; kein signifikanter Vorteil.[4]

PubMed · PMID 20634084

2013Dörge
n = 196
randomisiert

Tiefe Sternuminfektion bei Hochrisikopatienten

Revisionspflichtige DSWI bei 6/97 unter PRP und 3/99 in der Kontrollgruppe. Der Unterschied war nicht signifikant. Die Publikation nennt Biomet Deutschland GmbH als Förderer.[5]

Ein negatives Ergebnis in einer herstellerfinanzierten Studie ist ein relevanter Teil der Evidenz, ohne allein die Gesamtfrage zu entscheiden.

PubMed · PMID 22547304

2014Hamman
n = 1.866
retrospektiv

PRP-Paste zusammen mit Vancomycin

Alle 11 schweren DSWI traten in der Kontrollgruppe auf; in der Interventionsgruppe mit PRP, Calcium-Thrombin und Vancomycin keine. Adjustierte OR 0,05 (95-%-KI 0,01–0,50). Der PRP-Effekt lässt sich wegen der kombinierten Vancomycin-Intervention nicht isolieren.[6]

PubMed · PMID 24576548

2015Serraino
n = 1.093
nicht randomisiert

PRP in der Sternotomiewunde

DSWI 1/422 (0,20 %) mit PRP versus 10/671 (1,5 %) ohne PRP; p = 0,043. Oberflächliche Infektionen waren ebenfalls seltener. Positives Signal, aber kein randomisierter Vergleich.[7]

PubMed · PMID 23692143

2016Patel
n = 2.000
sequenzielle Kohorten

Die Quelle der bekannten 2,0-auf-0,6-%-Zahl

Große sequenzielle Kohortenanalyse mit positiven Ergebnissen, aber zeitlich vorgelagerter Kontrollgruppe und ohne Randomisierung. Die Gruppen unterschieden sich auch bei VAD/Transplantation und Notfalleingriffen. NNT für eine verhinderte DSWI: 71.[8]

PubMed · PMID 27068030

2017Kirmani
7 Studien
Metaanalyse

Positiver Pool-Effekt – mit wichtigem Designproblem

4.692 Patienten; gepoolt signifikant weniger sternale Wundinfektionen und Mediastinitis. Die Autoren betonen jedoch die schlechte Qualität der zugrunde liegenden Daten. In der RCT-Untergruppe lag kein Behandlungseffekt vor.[9]

PubMed · PMID 27177403

2019Vermeer
n = 262
historisch

Adipöse Patienten mit Diabetes Typ 2

DSWP 6/144 (4,2 %) mit Platelet-Leukocyte-Gel versus 13/118 (11 %) in der historischen Referenzgruppe; p = 0,03. Die Autoren nennen unter anderem Änderungen bei Antibiotikaregime und Verschlusstechnik als Limitation.[10]

PubMed · PMID 31179054

2021Yao
10 Studien
Metaanalyse

Retrospektive und randomisierte Daten trennen sich

Positive Effekte in retrospektiven Kohorten; in der randomisierten Untergruppe kein signifikanter Unterschied bei SWI oder DSWI. Die Autoren bewerten die Evidenz als zu schwach für eine sichere Schlussfolgerung.[13]

PubMed · PMID 33128501

2019Zhai
15 RCT
Metaanalyse

Platelet-rich Plasmapherese bei kardiovaskulärer Chirurgie

Weniger postoperativer Blutverlust und geringerer Bedarf an allogenen Blutprodukten; gleichzeitig erhebliche Heterogenität zwischen den Studien.[11]

PubMed · PMID 30708148

2021Tong
n = 660
Sicherheitssignal

Akute Nierenschädigung nach Typ-A-Dissektionschirurgie

Retrospektive Kohorte: aPRP war nach Adjustierung unabhängig mit mehr postoperativer AKI assoziiert (OR 1,729; 95-%-KI 1,225–2,440), bei gleichzeitig weniger intraoperativen Transfusionen. Das ist kein Kausalitätsnachweis, aber ein relevantes Schadenssignal.[12]

PubMed · PMID 33413497

2025Gao
n = 134
randomisiert

Autologe Plateletpherese / APC in der Aortenchirurgie

Single-Center-RCT mit weniger Erythrozytentransfusionen. Die Autoren bezeichnen das gewonnene Produkt im Ablauf als autologous platelet concentrate (APC); deshalb nicht mit topischem PRP-Gel gleichsetzen. Mehr Calcium und längere Vorbereitungszeit wurden ebenfalls berichtet.[14]

PubMed · PMID 40955386

2026Santos
6 Studien
Metaanalyse

Akute Typ-A-Aortendissektion

2.150 Patienten, davon 906 mit aPRP. Berichtet wurden unter anderem weniger Reoperationen wegen Blutung, weniger Thrombozyten/Kryopräzipitat und günstigere Beatmungsendpunkte; Mortalität, Krankenhausdauer sowie neurologische und renale Komplikationen unterschieden sich nicht signifikant. Ein großer Teil der Evidenz war beobachtend.[15]

PubMed · PMID 41107167

2024Khalpey
n = 52
experimentell

CABG, TMR und intramyokardiales PRP

Publiziert in Cureus. Vier kleine Gruppen: CABG 16, CABG+TMR 17, CABG+PRP 10, CABG+TMR+PRP 9. Ein GLS-Signal betraf den Kombinationsansatz; postoperative Vorhofflimmern war in der TMR+PRP-Gruppe häufiger (67 % vs. 25 %). Keine isolierte regenerative PRP-Wirkung ableitbar.[17]

PubMed · PMID 38872704

2023Zhu
zurückgezogen

Metaanalyse zur Sternumwundheilung

Im Januar 2025 zurückgezogen, nachdem das Begutachtungsverfahren als kompromittiert bewertet wurde. Nicht als Wirksamkeitsbeleg verwendbar.[18]

PubMed · Retraktionshinweis

2024Li & Wu
zurückgezogen

Metaanalyse zu topischem Platelet Gel

Der Originalartikel hat PMID 38420690 und wird von PubMed ausdrücklich als Retracted Publication geführt. Die Retraktionsnotiz (PMID 39317945) erschien im September 2024 wegen eines manipulierten Begutachtungs- und Publikationsprozesses. Nicht als Wirksamkeitsbeleg verwenden.[19]

Original · retracted · Retraktionshinweis

05 · Patient Blood Management

Plateletpherese ist ein eigener Blutmanagement-Ansatz

Bei Operationen mit Herz-Lungen-Maschine können Thrombozyten durch Hämodilution, Kontakt mit Fremdoberflächen und mechanische Belastung beeinträchtigt werden. Die autologe Plateletpherese separiert vor dem kardiopulmonalen Bypass eine thrombozytenreiche autologe Fraktion, die später zurückgegeben wird. Das Ziel ist primär Hämostase und Blutmanagement – nicht regenerative Wundheilung.[11]

Gesamtevidenz

Zhai 2019: 15 randomisierte Studien

Die Metaanalyse mit 1.002 Patienten fand Signale für weniger postoperativen Blutverlust und geringeren Bedarf an mehreren allogenen Blutprodukten. Die erhebliche Heterogenität begrenzt die Übertragbarkeit.[11]

Sicherheit

AKI-Signal aus einer retrospektiven Kohorte

Bei 660 Patienten mit Typ-A-Aortendissektion war aPRP nach Adjustierung mit mehr postoperativer akuter Nierenschädigung assoziiert (OR 1,729). Gleichzeitig wurden weniger intraoperative Transfusionen berichtet. Das Design erlaubt keine Kausalitätsaussage, das Signal gehört aber in die Nutzen-Risiko-Einordnung.[12]

Interaktive Studiengrafik mit fester 0–60-%-Skala

Die gemeinsame Skala verhindert, dass kleine Unterschiede künstlich „auf Vollbreite“ gezogen werden.

Aortenchirurgie 2025, Single-Center-RCT, n = 134: perioperative Erythrozytentransfusion.
APC / Plateletpherese
10/67 · 14,9 %
Kontrolle
34/67 · 50,7 %
DatensatzPopulationEndpunktStatistische Einordnung
Gao 2025Aortenchirurgie, Single-CenterRBC-Transfusion 14,9 % vs. 50,7 %p < 0,001; spezifische Population, nicht generalisierbar

Die Grafik zeigt einen einzelnen RCT-Endpunkt. Sie ist kein allgemeiner Wirksamkeitsbeleg für PRP in der Herzchirurgie.

Aktuelle Aortenchirurgie: auffällige Signale, aber kein Freifahrtschein

Die 2025 publizierte Single-Center-RCT von Gao et al. randomisierte 134 Patienten. Die Autoren sprechen im Ablauf vom gewonnenen autologous platelet concentrate (APC) im Rahmen der Plateletpherese. Die Gesamt-RBC-Transfusionsrate betrug 10/67 (14,9 %) versus 34/67 (50,7 %); gleichzeitig waren mehr Calcium und längere Vorbereitungszeiten erforderlich.[14]

Die 2026 publizierte Metaanalyse zur akuten Typ-A-Aortendissektion umfasste sechs Studien mit 2.150 Patienten. Sie berichtete unter anderem weniger Reoperationen wegen Blutung, geringeren Verbrauch von Thrombozyten/Kryopräzipitat und günstigere Beatmungsendpunkte. Mortalität, Krankenhausdauer sowie neurologische und renale Komplikationen unterschieden sich nicht signifikant. Der größte Teil der Daten war beobachtend.[15]

Laufende Evidenz

Multizentrische RCT zur Typ-A-Aortendissektion

ClinicalTrials.gov führt eine randomisierte multizentrische Studie mit geplanter Teilnehmerzahl 250. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

NCT07005661 öffnen

Abgeschlossene Studie

98 CABG-Patienten, topisches PRP am Sternum

Der Registereintrag ist als abgeschlossen geführt, enthält bislang aber keine veröffentlichten Ergebnisse. Daraus lässt sich aktuell keine Wirksamkeitsaussage ableiten.

NCT07352020 öffnen

Leitlinienbezug: Plateletpherese ist ein untersuchter Blutmanagementansatz. Aus diesem Beitrag lässt sich keine allgemeine Leitlinienempfehlung für eine Routineanwendung in der Herzchirurgie ableiten.
06 · Präparatqualität

PRP ist nicht gleich PRP – selbst bei Point-of-Care-Systemen

Blutvolumen, Thrombozyten- und Leukozytengehalt, Antikoagulans, Aktivierung und Separation unterscheiden sich je nach System. Eine im Juni 2026 veröffentlichte prospektive randomisierte, einfach verblindete Studie verglich bei 60 herzchirurgischen Fällen zwei Point-of-Care-Systeme. Die mittlere Thrombozytenanreicherung lag beim Magellan-System beim 6,58-Fachen und beim Angel-System beim 6,31-Fachen des Ausgangswerts.[16]

Die Studie misst die Zielerreichung der Aufbereitung und keine klinische Wirksamkeit. Genau deshalb ist sie nützlich: Sie zeigt, warum ein Ergebnis aus einem konkreten System nicht automatisch auf ein anderes System übertragbar ist.

Eine PRP-Studie beschreibt immer auch das verwendete Aufbereitungssystem und das damit erzeugte Präparat.
07 · Experimentelle Forschung

PRP direkt am Herzmuskel: kleine Kombinationsstudie, kein etablierter Therapieeffekt

Eine 2024 in Cureus veröffentlichte Studie randomisierte 52 Patienten auf CABG allein (16), CABG+TMR (17), CABG+PRP (10) oder CABG+TMR+PRP (9). Das berichtete GLS-Signal nach einem Jahr betraf insbesondere den Kombinationsansatz TMR+PRP; die LVEF unterschied sich nicht signifikant.[17]

Zur vollständigen Einordnung gehört auch ein vorläufiges Sicherheitssignal: Postoperatives Vorhofflimmern trat in der TMR+PRP-Gruppe häufiger auf als in der CABG-Kontrolle (67 % vs. 25 %, p = 0,04). Bei neun Patienten in dieser Gruppe ist das kein belastbarer Schadensnachweis, aber ein Grund mehr, die Arbeit nicht als isolierten Beleg für „PRP-Regeneration des Herzens“ zu verwenden.[17]

08 · Richtigstellungen & Publikationsqualität

Vier Aussagen, die man so nicht stehen lassen sollte

Behauptung

„PRP senkt DSWI generell von 2,0 auf 0,6 %.“

Diese Zahlen stammen aus einer einzelnen nicht randomisierten sequenziellen Kohortenanalyse. Sie sind kein allgemeingültiger Effektwert.[8]

Behauptung

„PRP verhindert die Abstoßung von Fremdblut.“

Falsch formuliert. Bei Plateletpherese wird untersucht, ob patienteneigene Thrombozyten geschont und dadurch Blutverlust beziehungsweise der Bedarf an allogenen Blutprodukten reduziert werden können.

Behauptung

„PRP wirkt bei Herztransplantation und VAD.“

Die Patel-Kohorte enthielt solche Patienten, belegt aber keine eigenständige Wirksamkeit von PRP speziell bei VAD oder Herztransplantation.

Behauptung

„Metaanalysen belegen den Nutzen eindeutig.“

Nein. Kirmani 2017 fand einen positiven Pool-Effekt auf überwiegend nicht randomisierter Datenbasis, Yao 2021 zeigte den Effekt vor allem in retrospektiven Studien. Zwei spätere Metaanalysen wurden zurückgezogen.

Wichtig: PMID 38420690 ist nicht eine „andere, gültige“ 2024er Metaanalyse

PMID 38420690 gehört zur Arbeit von Yifan Li und Zhong Wu, DOI 10.1111/iwj.14761. PubMed kennzeichnet genau diesen Artikel als Retracted Publication. Die Retraktionsnotiz hat PMID 39317945 und wurde im September 2024 veröffentlicht.[19]

Die Zhu-Metaanalyse von 2023 wurde im Januar 2025 ebenfalls zurückgezogen.[18] Beide Arbeiten bleiben im Explorer sichtbar, tragen aber keine Wirksamkeitsaussage.

09 · Regulatorischer Rahmen & praktische Prüfung

Präparat, Gerät, Herstellung und Kommunikation getrennt betrachten

Die herzchirurgischen Studien verwenden unterschiedliche Separatoren, Apheresegeräte und Aufbereitungssysteme. Aus einer Studie mit einem konkreten System folgt nicht, dass ein anderes PRP-Röhrchen, eine andere Zentrifuge oder ein anderes Separationssystem für denselben intraoperativen Einsatz bestimmt ist.

Nach der MDR ergibt sich die Zweckbestimmung eines Medizinprodukts aus den Herstellerangaben. Eine CE-Kennzeichnung ist deshalb kein pauschaler Nachweis für jede wissenschaftlich beschriebene PRP-Anwendung.[22]

Für die arzneimittelrechtliche Seite ist § 13 AMG relevant. Absatz 2b enthält die Erlaubnis-Ausnahme für die patientenindividuelle Herstellung unter unmittelbarer fachlicher Verantwortung bei persönlicher Anwendung; daneben können die allgemeine Anzeigepflicht nach § 67 AMG und die behördliche Überwachung nach § 64 AMG relevant sein. Die Blutentnahme unterliegt den Anforderungen des § 7 TFG.[23][24][25][26]

Für die Außendarstellung ist außerdem § 3 HWG relevant: Irreführende Werbung, insbesondere unbelegte therapeutische Wirksamkeits- oder Erfolgsaussagen, ist unzulässig. Dieser Beitrag leitet deshalb keine Produktwirkung und keine Eignung eines konkreten Systems für die Herzchirurgie ab.[27]

Prüffragen für eine Einrichtung

  • Zweckbestimmung: Deckt die Herstellerdokumentation des konkreten Systems den geplanten Workflow ab?
  • Herstellung: Welche arzneimittelrechtliche Einordnung gilt für den konkreten patientenindividuellen Prozess und wurden erforderliche Anzeigen vorgenommen?
  • Präparatbeschreibung: Welches System, welches Volumen, welche Zellkonzentration und welcher Aktivator wurden verwendet?
  • Basisversorgung: Sind etablierte chirurgische, infektiologische und PBM-Maßnahmen vollständig umgesetzt?
  • Kommunikation: Sind Aussagen zu Nutzen, Grenzen und Evidenz so formuliert, dass keine ungesicherte Wirksamkeit oder Produktzulässigkeit suggeriert wird?
Abgrenzung: Diese Übersicht ist keine rechtliche Qualifikation eines konkreten Prozesses. Maßgeblich sind die zuständige Klinik bzw. Einrichtung, ihre regulatorisch Verantwortlichen und – soweit erforderlich – die zuständige Behörde oder spezialisierte Rechtsberatung.
Praktische Einordnung

Was aktuell als belastbar gelten kann

Topisches PRP

Sternum & Operationswunden

Beobachtungsdaten liefern positive Signale. Kontrollierte Studien haben einen robusten Schutz vor Sternuminfektionen bislang nicht bestätigt. PRP ersetzt keine etablierte Infektionsprävention.

Plateletpherese

Blutmanagement

Randomisierte Daten und Aortenanalysen zeigen interessante Transfusions- und Blutungssignale. Dem steht ein retrospektives AKI-Sicherheitssignal gegenüber. Keine Routineempfehlung für jeden herzchirurgischen Eingriff.

Myokard

Regenerative Forschung

Die kleine 2024er Studie untersucht Kombinationen aus CABG, TMR und PRP. Ein isolierter PRP-Effekt ist nicht belegt; Vorhofflimmern war in der kleinsten Kombinationsgruppe häufiger.

Übergreifend

Die entscheidende Frage

Nicht „Funktioniert PRP?“, sondern: Welches genau definierte PRP-Verfahren zeigt bei welcher Patientengruppe für welchen Endpunkt einen reproduzierbaren klinischen Nutzen?

FAQ

Häufige Fragen zur PRP-Forschung in der Herzchirurgie

Ist PRP in der Herzchirurgie ein etabliertes Standardverfahren?

Nicht pauschal. Topisches PRP ist in etablierten Empfehlungen zur Prävention sternaler Wundinfektionen nicht als Standardbaustein geführt. Plateletpherese ist ein untersuchter Blutmanagementansatz; aus diesem Beitrag ergibt sich keine allgemeine Leitlinienempfehlung für eine Routineanwendung.

Warum widersprechen sich die Studien zur Sternumwunde?

Große positive Studien sind häufig historische oder retrospektive Vergleiche. Parallel können sich Infektionsprävention, Patientenselektion und Operationstechnik verändert haben. Randomisierte Studien reduzieren solche Verzerrungen, sind hier aber bislang relativ klein.

Ist die Plateletpherese dasselbe wie PRP aus einem normalen Röhrchensystem?

Nein. Herzchirurgische Plateletpherese nutzt andere Geräte, Blutvolumina und Prozessschritte. In der Gao-RCT wird das gewonnene Produkt im Ablauf als autologes Thrombozytenkonzentrat (APC) bezeichnet. Ein identischer Oberbegriff bedeutet nicht, dass Präparat oder Zweckbestimmung identisch sind.

Kann aus einer CE-Kennzeichnung auf eine herzchirurgische PRP-Eignung geschlossen werden?

Nein. Entscheidend ist die konkrete Zweckbestimmung des jeweiligen Medizinprodukts. Die CE-Kennzeichnung besagt nicht, dass jede wissenschaftlich beschriebene PRP-Anwendung durch das Produkt abgedeckt ist.

Belegt die Forschung eine regenerative Behandlung des Herzmuskels?

Nein. Direkte intra- oder epikardiale Anwendungen befinden sich weiterhin im experimentellen Forschungsbereich. Die kleine 2024er Studie prüfte zudem Kombinationen mit TMR und erlaubt keine isolierte PRP-Wirkungsaussage.

Weiterführend auf prpmed.de

Passende interne Fachseiten

Die sechs Links wurden gegen die Live-Seite geprüft. Sie führen zu Grundlagen, Wundheilung und technischer Einordnung – nicht zu einer herzchirurgischen Produktanwendung.

10 · Quellen

Primärliteratur, Übersichtsarbeiten und Rechtsquellen

  1. Ferrari M et al. A new technique for hemodilution, preparation of autologous platelet-rich plasma and intraoperative blood salvage in cardiac surgery. Int J Artif Organs. 1987;10(1):47–50. PMID 3570542.
  2. Trowbridge CC et al. Use of platelet gel and its effects on infection in cardiac surgery. J Extra Corpor Technol. 2005;37(4):381–386. PMID 16524157.
  3. Litmathe J et al. The use of autologous platelet gel for high-risk patients in cardiac surgery – is it beneficial? Perfusion. 2009;24(6):381–387. PMID 20093332.
  4. Almdahl SM et al. Randomized prospective trial of saphenous vein harvest site infection after wound closure with and without topical application of autologous platelet-rich plasma. Eur J Cardiothorac Surg. 2011;39(1):44–48. PMID 20634084.
  5. Dörge H et al. Incidence of deep sternal wound infection is not reduced with autologous platelet rich plasma in high-risk cardiac surgery patients. Thorac Cardiovasc Surg. 2013;61(3):180–184. Förderangabe: Biomet Deutschland GmbH. PMID 22547304.
  6. Hamman BL et al. Relation between topical application of platelet-rich plasma and vancomycin and severe deep sternal wound infections after a first median sternotomy. Am J Cardiol. 2014;113(8):1415–1419. PMID 24576548.
  7. Serraino GF et al. Platelet-rich plasma inside the sternotomy wound reduces the incidence of sternal wound infections. Int Wound J. 2015;12(3):260–264. PMID 23692143.
  8. Patel AN et al. Evaluation of autologous platelet rich plasma for cardiac surgery: outcome analysis of 2000 patients. J Cardiothorac Surg. 2016;11:62. PMID 27068030.
  9. Kirmani BH et al. A meta-analysis of platelet gel for prevention of sternal wound infections following cardiac surgery. Blood Transfus. 2017;15(1):57–65. PMID 27177403.
  10. Vermeer H et al. Platelet-leukocyte rich gel application in the prevention of deep sternal wound problems after cardiac surgery in obese diabetic patients. J Thorac Dis. 2019;11(4):1124–1129. PMID 31179054.
  11. Zhai Q et al. Effects of platelet-rich plasmapheresis during cardiovascular surgery: a meta-analysis of randomized controlled clinical trials. J Clin Anesth. 2019;56:88–97. PMID 30708148.
  12. Tong J et al. Impact of autologous platelet rich plasma use on postoperative acute kidney injury in type A acute aortic dissection repair: a retrospective cohort analysis. J Cardiothorac Surg. 2021;16:9. PMID 33413497.
  13. Yao D et al. Effects of platelet-rich plasma on the healing of sternal wounds: a meta-analysis. Wound Repair Regen. 2021;29(1):153–167. PMID 33128501.
  14. Gao J et al. Reducing perioperative red blood cell transfusion in adult aortic surgery: innovative application and process optimization of autologous plateletpheresis. Anesthesiol Perioper Sci. 2025;3(3):44. PMID 40955386.
  15. Santos K et al. Does Autologous Platelet-Rich Plasma Improve Blood Conservation and Postoperative Outcomes in Acute Type A Aortic Dissection Surgery? J Cardiothorac Vasc Anesth. 2026;40(1):49–57. PMID 41107167.
  16. Garrison L et al. Evaluation of accuracy of platelet rich plasma preparation devices for cardiac surgery: A prospective, randomized, single blinded study. J Extra Corpor Technol. 2026;58(2):124–127. PMID 42319100.
  17. Khalpey Z et al. Synergistic Effect of Transmyocardial Revascularization and Platelet-Rich Plasma on Improving Cardiac Function After Coronary Artery Bypass Grafting. Cureus. 2024;16(5):e60254. PMID 38872704.
  18. Zurückgezogen: Zhu S et al. Platelet-rich plasma influence on the sternal wounds healing: a meta-analysis. Retraktionshinweis Januar 2025. PMID 39800334.
  19. Zurückgezogen: Li Y, Wu Z. Effect of topical application of autologous platelet gel on sternal wound infection after cardiac surgery: A meta-analysis. Original PMID 38420690, von PubMed als Retracted Publication geführt; Retraktionshinweis PMID 39317945.
  20. Lazar HL. Review of AATS guidance for prevention and management of sternal wound infections. PubMed Central.
  21. ClinicalTrials.gov: NCT07005661 und NCT07352020.
  22. Verordnung (EU) 2017/745 (MDR). EUR-Lex.
  23. § 13 AMG. Herstellungserlaubnis und Ausnahmen, insbesondere Abs. 2b. Gesetze im Internet.
  24. § 67 AMG. Allgemeine Anzeigepflicht. Gesetze im Internet.
  25. § 64 AMG. Durchführung der Überwachung. Gesetze im Internet.
  26. § 7 TFG. Anforderungen an die Entnahme der Spende. Gesetze im Internet.
  27. § 3 HWG. Verbot irreführender Werbung. Gesetze im Internet.
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